Siedlung „Neu Jerusalem“
Ein Kleinod, an dem man achtlos vorbeifährt, liegt in Staaken beidseits der Heerstraße. Ein Kleinod freilich, das recht verwahrlost ist, und schon deswegen nicht wahrgenommen wird.
Von 1923 bis 1925 wurden hier für Angehörige der Fliegerakademie des Staakener Luftschiffhafens 21 Doppelhäuser nach den Plänen des Architekten Erwin Anton Gutkind erbaut. Die Siedlung ist ganz im Stil der neuen Sachlichkeit gehalten und steht damit in scharfem Kontrast zur eher idyllischen Anmutung der nahe liegenden Staakener Gartenstadt mit ihren krummen Gassen und Giebelhäusern, die Paul Schmitthenner noch nicht einmal zehn Jahre zuvor projektiert hatte. Ebenso wie in der Gartenstadt verfügt auch in Gutkinds Siedlung jedes Haus über einen eigenen Garten, der zur Selbstversorgung der Bewohner beitragen sollte. Die Planung der Gärten übernahm mit Leberecht Migge einer der bedeutendsten Gartenbauarchitekten des Neuen Bauens mit großem sozialreformerischen Anliegen.

Ursprünglicher Zustand, Ansicht von der Straßenseite
Gutkinds Häuser sind strenge Kuben mit geometrischer Staffelung des Baukörpers, im Erdgeschoss weiß verputzt, und ursprünglich oben mit roten Klinkern verkleidet — ein spannender Materialmix, der sich an vielen seiner Bauten, wie den Wohnanlagen „Am Eschengraben“ und „Sonnenhof“, wiederfindet.
Für die Bewohner waren diese Architektur wohl zu avantgardistisch, denn schon Ende der 20er Jahre begannen sie damit, die Klinkerverblendung des Obergeschosses abzuschlagen und durch weißen Putz zu ersetzen. Im Volksmund erhielt die Siedlung bald den Namen „Neu Jerusalem“, weil ihre weißen Fassaden mit den Flachdächern an die Stuttgarter Weißenhofsiedlung erinnerten, die Gegner des Neuen Bauens als „Araberdorf“ oder „Vorort von Jerusalem“ verspotteten.
Die Häuser der denkmalgeschützten Siedlung lagen bis zum Mauerfall auf dem Gebiet der DDR und sind danach in das Eigentum des Bezirks Spandau gelangt. Vierzig Jahre Mangelwirtschaft in der DDR und zwanzig Jahre Armut der öffentlichen Hand in Berlin haben ihre Spuren hinterlassen: die Bauten sind in einem traurigen Zustand und scheinen dem Verfall preisgegeben. 2008 hat sie der Berliner Liegenschaftsfond als Renditeobjekt an den Investor NCE Northern Cross Estate GmbH verkaufen können. Sie sollen in den nächsten Jahren vom Potsdamer Architekturbüro 3PO saniert und rekonstruiert werden (dort sind auch einige Bilder zu finden, die zeigen, wie die Häuser wieder aussehen sollen).
Die heutigen Mieter, die in den maroden Häusern für relativ geringe Mieten wohnen, befürchten jetzt, wie der Berliner Mieterverein berichtete, dass sie nach einer Luxusmodernisierung nicht mehr in der Lage sein werden, die dann sehr wahrscheinlich viel höheren Mieten zu bezahlen. Einige haben, wie ein Anwohner erzählt, schon freiwillig das Feld geräumt, um den Umbaumaßnahmen zu entgehen.

Ursprünglicher Zustand: Ansicht von der Gartenseite
Zwischen Heerstraße und Nennhauser Damm, 13591 Berlin
Eintrag bei archinform.net
Artikel in der Märkischen Allgemeinen




Berlin – Wien- Stuttgart -irgendwo.
Wann wird man endlich den wirklichen Wert dieser Art zu Bauen erkennen ?
Der da wäre?
Bitte die Frage nicht polemisch verstehen. Also jetzt mal abgesehen davon, ob es einem gefällt oder nicht: Welchen praktischen Nutzen hat der Baustil?
Die Fenster sehen irgendwie zu klein aus, um einen hellen Wohnraum zu bieten. Die Flachdächer könnten eigentlich ganz gut genutzt werden – zumindest bei dem Haus auf dem Bild scheint das aber auch nicht der Fall zu sein.
Der „praktische Nutzen“ liegt sicherlich in den großen Gärten. Die Anbauten links und rechts waren zur Hälfte als Stall gedacht (andere Hälfte Bad?). Die Bauteile mit den langen „Sehschlitzen“ an den Ecken sind die Treppenaufgänge (deswegen gehen sie auch nicht bis zu vollen Höhe des mittleren Teils). Ansonsten ist der (hier leider in nur sehr kleinem Format vorliegende) Grundriss schlicht: 4 Zimmer pro Etage (2 pro Doppelhaushälfte). Und die Fenster sind bei Gutkind immer relativ klein.
Es sind sicher nicht nur die kleinen Fensterflächen, die zu monieren sind. Ein Grundriß von 1925 entspricht auch nicht heutigen Wohnbedürfnissen, aber daran wird kann der Architket ja was ändern. Frage ist, ob wirklich alles saniert werden sollte oder ob nicht ein Teil der Siedlung ausreichen würde, um damalige bauhausangelehnte Architektur zu bewahren. Die Sanierung wird doch vermutlich nahe an Neubaukosten rankommen!
@Jou:
Das sind ja fast schon schwäbische Züge…
Ich hab von wirklichem Wert und nicht von praktischem Nutzen geschrieben. Die Idee war großartig, die Umsetzung nicht immer. Das gilt bis heute.
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/1704584_Das-Bauhaus-ist-endlich-angekommen.html
*kicher* jetzt wo Dus sagst, fällts mir auch auf
Zu spät…
jetzt wirst du offiziell zur Schwäbin h.c. ernannt und Vilmos ist der Zeuge.
mit Klinker sehen die Häuser ja einigermaßen erträglich aus, ansonsten finde ich die Siedlung optisch einfach furchtbar – da ändert auch der Garten nichts dran.
Ja, die Siedlung ist ziemlich runtergekommen. Der Kontrast zwischen Putzflächen, Fenstern und Ziegelstein ist ein wesentliches Gestaltungsmerkmal, ohne das die Häuser einfach enorm verlieren. Ich habe jetzt noch ein paar Bilder vom Originalzustand gefunden und hinzugefügt.
Auf der Gartenseite im obersten Stock gar keine Fenster? Merkwürdig. Fenster sind übrigens mit steigenden Energiekosten wieder sehr viel kleiner geworden, hier in der Gegend jedenfalls.
Da habe ich mich auch gewundert. Es scheint Dachfenster gegeben zu haben …
wenn ihr alle wüßtet wovon hier die rede ist. ich bin hier groß geworden und möchte hier nicht freiwillig weg. und wer noch hier wohnt nach 20 jahren wiedervereinigung, der hat auch seine gründe dafür!