Kindl-Brauerei auf dem Rollberg

Kindl-Brauerei

Bis zum Ende des letzten Jahrhunderts wurde hier noch Bier gebraut, dann wurde die Brauerei stillgelegt, die 1872 als Vereinsbrauerei der Berliner Gastwirte auf dem Rixdorfer Rollberg gegründet worden war. Anfänglich produzierte man hier das in Berlin übliche obergärige Weißbier, um dann um 1890 die Produktion untergärigen Lagerbiers aufzunehmen, das in Anlehnung an die Münchner Brauart den Namen Berliner Kindl erhielt.

Das Sudhaus der Brauerei mit seinem hohen Turm wurde 1926-1930 nach Plänen der Architekten Hans Claus und Richard Schepke ganz im Stil des Expressionismus in dunkelrotem Ziegelstein errichtet. Im zweiten Weltkrieg wurde es bei Luftangriffen stark beschädigt, die technischen Hauptausrüstungen wurden demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht.

Kindl-Brauerei

Anfang der 1950er Jahre erfolgte der Neuaufbau ganz im Stil der damaligen Zeit, wobei die äußere, expressionistische Form erhalten blieb. Hier, im Schmuckstück der Brauerei, befinden sich die einst größten Sudpfannen Europas, sechs an der Zahl. Gewaltig stehen die riesigen Kupferkessel, die leider seit der Stilllegung nicht mehr blank geputzt werden, in der großen Halle mit der wunderbaren Anmutung der Architektur der 50er Jahre.

Kindl-Brauerei

Anlässlich des Tages des offenen Denkmals konnte man die ansonsten geschlossene Brauerei besichtigen, die der Dr. Henke Projektgesellschaft (HEAG) gehört. Die Führung leitete Daniel Markovics von Verein Berliner Unterwelten, der bei Kindl einst Mälzer und Brauer gelernt und bis zur Schließung hier gearbeitet hat.

Kindl-Brauerei

Unter der Oberfläche geht es in vier Etagen bis zu 22 Meter in die Tiefe, unter dem Gärkeller liegen die früheren Lagerkeller, die ihrer Tanks beraubt sind und heute ungenutzt einer ungewissen Zukunft entgegen sehen.

In der ehemaligen Halle für die Abfüllung in Fass und Flasche ist heute eine Kartbahn untergebracht. Gleich nebenan eine Halle für Paintball, diese mir eigenartig vorkommende Art der Freizeitbeschäftigung.

Kindl-Brauerei Kindl-Brauerei

Der Braumeister Wilko Bereit baut gerade in der Kelleretage des Sudhauses, unter den alten Sudpfannen, eine neue, kleine Brauerei. Gegen Ende Oktober will er fertig sein, dann gibt es auf dem Rollberg wieder Bier. Ich bin gespannt!


Ehemalige Kindl-Brauerei
Werbellinstraße 50, 12053 Berlin

www.berliner-unterwelten.de
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17 Gedanken zu “Kindl-Brauerei auf dem Rollberg

  1. Alle Berliner Biere kommen jetzt von Dr. Oetker aus Weißensee und über kurz oder lang werden sie alle gleich schmecken und sich nur noch in der Farbe der Ausstattung unterscheiden. Die Folge ist ja jetzt schon zu erkennen, der Bierabsatz stagniert oder sinkt. Kein Wunder, ich hole mir lieber was Frisches z.B. vom Eschenbräu, in meinem dort gekauften 3 Liter Krug. Es ist wie bei den anderen Lebensmitteln auch, Individualität und Qualität behaupten sich gegen stromlinienförmige Industriewaren.

  2. Das stimmt, aber wir reden hier doch von Qualität? Immerhin sind sie die einzigen Anbieter neben Kindl-Schultheiß-Berliner Pilsener-Oetker, die eine passable Berliner Weiße herstellen (die Potsdamer darf ja eben nicht Berliner heißen, ist aber natürlich trotzdem ein Lichtblick im Dunkel der Einheitsware. Übrigens bekommt man die Biere der Braumanufaktur, einschließlich der Potsdamer Weiße in Berlin in vielen Bio-Läden).

  3. “Wir sind doch beieinander.” Von der Potsdamer Weiße muss ich mir mal was in den Keller legen. Vielleicht hab ich ja bald wieder mal ein Auto zum Flaschen holen.

  4. Als Bierabstinenzler bin ich eher von den Architekturfotos fasziniert. Gegenüber “früher” kommt mir das meiste, was heute im Bereich Industrie/Verwaltung gebaut wird, so phantasie- wie seelenlos vor. Aber vielleicht sieht die übernächste Generation das anders und restauriert sorgsam unsere doofen Glaspaläste?

  5. Ich glaube nicht, dass viele “unserer doofen Glaspaläste” 80, 100 oder gar mehr Jahre überstehen (manch einer würde sagen “und das ist auch gut so”). So z.B. der Kollhoff-Bau am Protzdamer Platz, dessen vorgehängte Fassade mit Ziegelsteinanmutung nach noch nicht einmal 10 Jahren anfing zu bröseln.

    Es ist noch nicht so lange her (1996), da zitierte der Tagesspiegel eine passende Aussage von Kollhoff über die Gegenwartsarchitektur:

    “Die zeitgenössische Architektur hat dagegen in den Augen des Architekten Hans Kollhoff das Problem, gar nicht geschichtsfähig zu sein, aus purem Mangel an Solidität, über den auch die berühmten Steintapeten nicht hinwegtäuschen können.”

    Hat er schön gesagt, der Herr Kollhoff. Ich kann mich auch erinnern, dass er zuvor mächtig gegen vorgehängte Steinfassaden gewettert hat. Nun scheint er selber das Stadtschloss neu bauen zu wollen, das kippt dann mangels Solidität hoffentlich auch nach 10 Jahren in die Spree.

  6. Der junge Braumeister ist ja eine vorzügliche Nachricht. Das klingt dann ja so, als ob die Freunde des Eschenbräu und der tatsächlich vorzüglichen Potsdamer Weisse, bald wieder einmal eine Exkursion wagen können. (Ich war noch nie nach Einbruch der Dunkelheit im Rollbergviertel.)

  7. Die Brauerei des jungen Braumeisters Wilko Bereit ist als “Privatbrauerei am Rollberg” in Betrieb gegangen, Tel. 030 68 08 45 77. Wir müssen im Januar unbedingt mal dorthin!

  8. also ich als weissenseer kenne die brauerei noch aus ostzeiten und kann mir nicht vorstellen das das einheitsgesöff wird!

  9. Liebe Vilmoskörte,
    Wäre es möglich das Foto der Sudpfannen mit einer grösseren Auflösung zu erhalten? Ich wäre Ihnen sehr dankbar.
    Verwenden würde ich das Foto für eine Projektarbeit an meiner Schule, der ZHAW. Das Foto würde natürlich nur im Rahmen meiner Präsentation veröffentlicht.

    Liebe Grüsse
    Cecil

  10. Beeindruckend! Und einfach wunderschön.
    Es ist doch unüblich, dass in den 50ern ein solches Gebäude originalgetreu wieder aufgebaut wird, oder? Gibt’s da einen besonderen Hintergrund?
    Rüdiger

  11. Der Grund ist wohl, dass man wieder Bier in großen Mengen brauen wollte. Da hat man das Gebäude wieder hergerichtet (originalgetreu ist es nur von außen) und dabei dem Inneren des Sudhauses die typische Anmutung der 1950er Jahre verpasst.

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