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Archiv für Oktober 2009

Straße der Erinnerung

23. Oktober 2009 8 Kommentare

Das Gebäude an der Spree, das man ab und zu im Fernsehen sieht, wenn vom Innenministerium die Rede ist, ist nicht etwa Eigentum des Bundes, sondern gehört der Freiberger-Holding, von der es der Bund zu großen Teilen bis 2017 für das Ministerium gemietet hat.

Freiberger-Bau am Spreebogen

Ernst Freiberger, der als Pizzakönig mit seinem früheren Unternehmen (Motto »The convenience food group«) reich geworden ist, hat über die von ihm gegründete gleichnamige Stiftung in den letzten Jahren am Uferweg zwischen diesem Gebäude und der Spree ein Reihe von Portraitbüsten aufstellen lassen. Zu jeder der dort dargestellten Personen erschien im be.bra-Verlag eine Monographie.

Das erste Denkmal wurde im Januar 2002 enthüllt und ist Albrecht Haushofer gewidmet, der während seiner Haft im Moabiter Zellengefängnis die Moabiter Sonette verfasst hat und von den Nazis im April 1945 ermordet wurde (seine Grabstätte ist unweit des Denkmals auf dem Friedhof Wilsnacker Straße). Lange Zeit stand es hier als Solitär, bis am 22. Juni 2005 aus Anlass seines 95. Geburtstags die Büste von Konrad Zuse folgte, Erfinder des Computers und der ersten Programmiersprache. Der Zusammenhang zwischen Haushofer und Zuse erschloss sich mir damals nicht, beiden gemein erschien mir lediglich, dass sie einem breiten Publikum wohl eher unbekannt sind.

Straße der Erinnerung  Straße der Erinnerung
Albrecht Haushofer, Schriftsteller; Konrad Zuse, Computer-Pionier

Am 18. September 2006 wurde das Denkmal für Walther Rathenau mit einer Kopie der 1908 von Hermann Hahn gestalteten Büste eingeweiht, der am 4. Juli 2007 das Denkmal für Thomas Mann folgte.

Straße der Erinnerung  Straße der Erinnerung
Walther Rathenau, Unternehmer und Reichsaußenminister; Thomas Mann, Schriftsteller

Um den Jahreswechsel 2007/2008 kam die Büste von Ludwig Mies van der Rohe, die der Berliner Bildhauer Rolf Biebl schuf. Dem schwäbischen Tischler Georg Elser, der als Einzeltäter ein gescheitertes Attentat auf Hitler verübt hat, hat die Freiberger-Stiftung am 24. September 2008 das sechste Denkmal gewidmet. Die Laudatio hielt Wolfgang Schäuble.

Straße der Erinnerung  Straße der Erinnerung
Ludwig Mies van der Rohe, Architekt; Georg Elser, Widerstandskämpfer

Beim Denkmal für Edith Stein, zu dessen Enthüllung am 25. März 2009 Anette Schavan das Grußwort sprach, konnte ich mich des Gedankens kaum erwehren, ob sie wohl die Alibi-Frau inmitten der verdienten Herren darstellen sollte, ganz so, als ob ein Berater Herrn Freiberger gesagt hätte, er müsse auch eine Frau in die Reihe seiner »Helden ohne Degen« aufnehmen. Die eindrucksvolle Plastik schuf der Düsseldorfer Bildhauer Bert Gerresheim.

Straße der Erinnerung
Edith Stein, Philosophin

Vor wenigen Tagen, am 14. Oktober 2009, wurden nun zwei Tafeln auf Granitblöcken installiert, die die Sammlung von Büsten als „Straße der Erinnerung“ auszeichnen. (Die Tafeln mit dem falschen englischen Text „Road of Rembrance“ wurden später gegen neue ohne diesen Fehler getauscht).

Straße der Erinnerung  "Wir sind das Volk"

Auf den Tafeln lesen wir: Hier ehrt die Ernst Freiberger-Stiftung deutsche Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Politik, die Großes geleistet haben und für Freiheit und Menschenwürde eingetreten sind. Insgesamt sollen hier zwölf Büsten aufgestellt werden.

Gleichzeitig mit den Tafeln wurde das Denkmal »Wir sind das Volk« des Bildhauers Rolf Biebl eingeweiht. Mir gefällt es weder als Einzelkunstwerk so gut, noch scheint es mir vom Erscheinungsbild und der Aussage nach in den Rahmen der Sammlung der bislang sieben Portraitbüsten zu passen, die doch ganz klar benannte Individuen würdigen.


Straße der Erinnerung
Spreebogen zwischen Kirchstraße und Stromstraße, 10559 Berlin

www.freiberger-stiftung.de

Spatzen

23. Oktober 2009 5 Kommentare

Spatzenkolonie

„Der Haussperling zeigt das ganze Jahr über ein geselliges und soziales Verhalten” schreibt die Wikipedia. Stimmt.

Spatzenkolonie

St. Marienkirche in Berlin

21. Oktober 2009 13 Kommentare

St. Marien  St. Marien

Direkt neben, oder besser unter dem Fernsehturm steht St. Marien, eine dreischiffige Hallenkirche im Stil der märkischen Backsteingotik, gebaut aus roten Ziegeln und mit einem Turm aus massiven Feldsteinen, der ursprünglich eine hölzerne Haube trug. Ihr Bau wurde um 1270 begonnen und Anfang des 14. Jahrhunderts fertiggestellt.

Einst stand die Kirche im Zentrum des alten Berlins am Neuen Markt und war dicht umgeben von Bürger- und Geschäftshäusern, die teilweise, wenn auch kriegsbeschädigt, noch bis 1960 hier standen. Heute ist sie neben dem Roten Rathaus das einzige historische Gebäude, das auf der leeren Fläche der von Liebknechtriegel und Rathauspassage gesäumten via triumphalis der sozialistischen Stadt, übrig geblieben ist.

St. Marien  St. Marien

Im Laufe ihrer Geschichte erfuhr die Kirche wiederholt Umbauten. Nicht nur der Turm wechselte öfter, meistens in Folge eines Brandes, seine Gestalt. Die jetzige Kupferhaube im neugotischen Stil wurde 1790 durch Carl Gotthard Langhans geschaffen. Das Kircheninnere wurde 1703 unter Leitung von Andreas Schlüter zu einem Predigtsaal umgestaltet. Aus dieser Zeit stammt die bis heute erhaltene barocke Alabasterkanzel. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fand ein erneuter Umbau unter Leitung von Hermann Blankenstein statt.

Nachdem die Kirche im Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschädigt geblieben war, wurden viele Kunstwerke aus anderen zerstörten Kirchen nach St. Marien gebracht, so dass die Kirche heute über eine ungewöhnlich reichhaltige Ausstattung verfügt.

St. Marien  St. Marien

Ganz besonders hervorzuheben ist die Darstellung des Totentanzes in der Turmhalle, die aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert stammt. Auf 22 Meter Länge zeigt das Fresko einen Reigen aus geistlichen und weltlichen Ständevertretern, die jeweils von einer Todesgestalt begleitet werden. In den Versen unter den 28 Bildern, die die älteste erhaltene Berliner Dichtung darstellen, beklagen die Sterblichen ihr Leid und bitten den Tod um Aufschub. Die Bilder sind leider stark verblasst und Teile, vor allem der Texte, fehlen.

St. Marien

Unter dem Ritter in der Mitte dieses Ausschnitts ist folgendes zu lesen (zitiert nach Peter Walter: Der Berliner Totentanz zu St. Marien, Berlin 2005):

Her ritter med juweme krewete stolt
hir hebbe gy gedragen dat rode golt
hebbe gy iwer ere hir genuch gedhan
so moge gy nhu froliken mede my ghan
legget das scarpe swert van iwer siden
gi muthen med my an den dodendantz gliden

Herr Ritter mit eurem Harnisch stolz
Hier habt ihr getragen das rote Gold
Habt ihr eurer Ehre auf Erden genüge getan
So könnt ihr jetzt fröhlich mit mir gehen
Legt das scharfe Schwert von eurer Seite
Ihr müsst mich jetzt beim Totentanz begleiten

Von des Ritters Flehen um Aufschub sind leider nur noch wenige Worte erhalten.

Die Orgel ist eine Rekonstruktion des alten Werks des Berliner Orgelbauers Joachim Wagner von 1723, auf der einst auch Johann Sebastian Bach spielte. Restbestände der alten Orgel sind in den Neubau eingegangen, den die Orgelbaufirma Alfred Kern & Fils aus Straßburg durchführte.


St. Marienkirche
Karl-Liebknecht-Straße 8, 10178 Berlin

030 2424467
www.marienkirche-berlin.de
Eintrag in der Berliner Denkmaldatenbank

Öffnungszeiten: täglich 10 bis 21 Uhr

Sie konnten zusammen nicht kommen …

18. Oktober 2009 9 Kommentare

Zwei Birken in luftiger Höhe

Zwei Birken. Gesehen auf dem Gelände der Gebauer-Höfe am Charlottenburger Ufer der Spree, unweit der Gotzkowskybrücke.

Der kleine Prinz in hundert Sprachen

17. Oktober 2009 12 Kommentare

Ich hatte schon lange nichts Interessantes mehr zu Sprachen, um genau zu sein, seit dem Sprechenden Sprachatlas nicht mehr, und das ist schon fast ein Jahr her. Heute bin ich über den „Kleinen Prinz in hundert Sprachen“ gestolpert, ein Projekt der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, das ich dem geneigten Leser nicht vorenthalten möchte.

derkleineprinz

Reinhören, ich fand’s spannend! (Leider Flash erforderlich)

Kategorien:Forschen und lernen Tags:

Opernhaus Leipzig

12. Oktober 2009 2 Kommentare

Oper Leipzig

Eine Perle der sozialistischen Baukultur der DDR steht in Leipzig am Augustusplatz: das Opernhaus, das von 1956 bis 1960 nach Plänen des Architekten Kunz Nierade als Ersatz für das im Krieg zerstörte Neue Theater erbaut wurde. Es ist der erste Theaterneubau, den die DDR errichten ließ, 44,6 Mio. DDR-Mark hat er gekostet. Es ist wohl auch der größte: Das Bühnenhaus misst immerhin 30 mal 23 Meter und der Saal bot ursprünglich mehr als 1600 Zuschauern Platz.

Neues Theater Leipzig um 1900
Neues Theater um 1900 (Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei)

Von den spätklassizistischen Formen des 1864-1868 nach Plänen von Carl Ferdinand Langhans errichteten Vorgängerbaus ließ sich Nierade offensichtlich inspirieren und hat dem Baukörper eine recht ähnliche Form gegeben. Die Fassadengestaltung mit hellem Pirnaer Sandstein, den großflächigen Fenstern mit goldfarben eloxierten Aluminiumrahmen und mit den recht wenigen Schmuckelementen ist aber ganz im Stil der Zeit gehalten. So zeigt das Opernhaus die gelungene Synthese zwischen klassizistischem Erbe und moderner Architektur. Ursprünglich hätte das Haus noch viel mehr Schmuck tragen sollen, wegen Rohstoffmangels ist es aber dazu nicht gekommen – glücklicherweise, muss man im Rückblick wahrscheinlich sagen.

Oper Leipzig
Garderobenhalle

Noch mehr zeigt das Haus von Innen seinen besonderen Baustil, den man ganz gut als sowjetisches Art Déco charakterisieren könnte. Die Wände, Pfeiler und Säulen im Eingangsbereich und der recht niedrigen Garderobenhalle sind teilweise mit handgefertigten weißen Fliesen aus Meißener Porzellan verkleidet.

Oper Leipzig
Treppe

Über aufwendig gestaltete Treppenhäuser gelangt man auf rotem Teppich schreitend vorbei an mit Blattgold ausgeschlagenen Wänden in das Parkettfoyer. Geländer und Handläufe sind ganz im typischen Stil der 1950er Jahre gehalten.

Oper Leipzig
Parkettfoyer in Birnbaumholz

Im Parkettfoyer sind die Wände großflächig mit rötlich schimmerndem Birnbaumholz verkleidet. Im Kontrast zur streng gehaltenen Vertäfelung steht die ornamental gestaltete Decke. Bemerkenswert sind hier auch die vereinzelt zu findenden Sitzmöbel, die ebenfalls ganz deutlich zeigen, aus welcher Zeit sie stammen.

Oper Leipzig
Decke im Parkettfoyer

Die Wände des Zuschauerraums sind ganz mit Riegelahorn mit seiner charakteristischen Maserung verkleidet, das der besseren Akustik wegen nicht flach sondern fächerartig angebracht ist. Besonders auffällig sind hier die halbrunden Logen – Intendantenloge und Staatsratloge – von denen aus man wohl einen Teil der Bühne nicht sieht, aber dafür selber gut gesehen werden kann.

Oper Leipzig
Blick vom Rang in den Zuschauerraum

Im ganzen Haus finden sich aufwendig gestaltete vielflammige Leuchter, es wird sicher ein massives und finanziell ruinöses Unterfangen, hier auf Energiesparlampen umrüsten zu wollen.

Oper Leipzig Oper Leipzig
Leuchter im Rangfoyer und im Zuschauerraum

Im Jahr 2007 wurde das Opernhaus mit einem Aufwand von 9,5 Millionen Euro umgebaut und in den Originalzustand von 1960 zurückversetzt. Durch eine großzügigere Bemessung der Beinfreiheit bietet das Theater heute nur noch etwas weniger als 1300 Zuschauern Platz.

Kunz Nierade, der Architekt des Opern, war übrigens auch Leiter des Architektenkollektivs, das die Pläne für die 1965/66 erfolgte grundlegende Erweiterung der Komischen Oper in Berlin lieferte, der die Hauptfront in der Behrenstraße die Neugestaltung ganz im sachlichen Stil der 1960er Jahre verdankt.


Oper Leipzig
Augustusplatz 12, 04109 Leipzig

0341 71680
oper-leipzig.de

Dépôt de mémoire et d’oubli

8. Oktober 2009 2 Kommentare

Dépôt de mémoire et d'oubli

Im Blumenhof des Koblenzer Museums Ludwig steht – besser: liegt – unter den Bäumen am höchsten Punkt der Umfassungsmauer die Installation »Dépôt de mémoire et d’oubli« des französischen Künstlerpaars Anne und Patrick Poirier. Sie wurde eigens zur Gründung des Museums (1992) geschaffen, das sich schwerpunktmäßig der zeitgenössischen französischen Kunst widmet.

Deutsches EckDas Museum selbst ist im Deutschherrenhaus untergebracht, der ersten Niederlassung des Deutschen Ordens im Rheinland, die Anfang des 13. Jahrhunderts gegründet wurde und dem Ort den Namen Deutsches Eck einbrachte. Heute bezeichnet man gemeinhin nicht mehr den ursprünglichen Ort sondern die Spitze des Landdreiecks am Zusammenfluss von Mosel und Rhein mitsamt dem darauf 1897 errichteten Denkmal mit diesem Namen.

Genau in der Blickachse zu diesem Denkmal, auf dem Kaiser Wilhelm I. Frankreich und dem Betrachter den Rücken zuwendet, liegt das schöne Ruinenfeld mit dem ins Deutsche übersetzten Titel »(Gedenk)Stätte der Erinnerung und des Vergessens«. Die zeitgenössische Installation der beiden Franzosen scheint die antikisierenden Formen der Marmorbruchstücke zu verwenden, um den Bogen zwischen Altem und Neuem zu schlagen. Sie spielen dabei auch mit der Mehrdeutigkeit des Wortes »Dépôt«, nur unzureichend mit »Stätte« übersetzt – ich hätte »Ablage« passender gefunden.

Das Werk lässt sich in die mit „Spurensicherung“ bezeichnete Kunstrichtung einordnen. Sie versucht mit Methoden, die an naturwissenschaftliche Forschung erinnern, verborgene Bezüge zwischen der Gegenwart und historischen Gegebenheiten aufzudecken und anschaulich zu machen, stellt aber gleichzeitig diese Wissenschaften, deren Mittel sie scheinbar einsetzt, in Frage. Dazu werden mitunter, so auch bei diesem Kunstwerk, fiktive Fundstücke eingesetzt. Auf solchen lesen wir hier: ocvlvs memoriæ, zeichen und sätze, worte sind schatten, finsternis, amnesie, mnemosyne, augenzeuge.

Dépôt de mémoire et d'oubli

Und zwischen ocvlvs memoriæ und augenzeuge blickt uns das weiße, leere Marmorauge an.


Museum Ludwig im Deutschherrenhaus
Danziger Freiheit 1, 56068 Koblenz

0261 3040412
www.ludwigmuseum.org

Cornelius Holtorf: „Archäologie als Spurensicherung“

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