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Archiv für Mai 2011

Stadterweiterung 1861

31. Mai 2011 3 Kommentare

Vor hundertfünfzig Jahren, am 1. Januar 1861, wurden die heutigen Ortsteile Moabit, Wedding und Gesundbrunnen Teil der Stadt Berlin. Mit der Vergrößerung um die eher armen Vororte mit ihrer überwiegend proletarischen Bevölkerung wurde der Grundstein für den Aufstieg der königlichen Residenz zu einer europäischen Metropole gelegt.

Die neuen Stadtteile waren die Keimzellen für die Industrialisierung und damit des wirtschaftlichen Aufschwungs der künftigen Millionenstadt Berlin. Die bekannten Borsigschen Eisenwerke – damals zu großen Teilen in Moabit am Ufer der Spree gelegen – hatten schon ein paar Jahre zuvor die tausendste Lokomotive geliefert und sollten 1872 zur größten Lokomotivfabrik Europas werden.


Eisenwalzwerk und Villa Borsig in Moabit, 1855

Aber auch Namen wie Bolle, Schering, Rathenau und AEG sind eng mit der industriellen Entwicklung von Moabit und Wedding verbunden.

Im Zuge der raschen Industrialisierung wuchs die Bevölkerungszahl von Moabit außerordentlich rasch an, um der ungeheuren Nachfrage der Industrie nach Arbeitskräften zu genügen. Zählte Moabit bei der Eingemeindung noch 6.534 Einwohner, hatte sich die Zahl schon zehn Jahre später mit 14.818 mehr als verdoppelt, um 1910 mit 190.000 Einwohnern einen absoluten Höhepunkt zu erreichen. In Gesundbrunnen und auf dem Wedding war die Entwicklung ähnlich. Diese Verdichtung führte zu beklagenswerten sozialen Umständen in den berüchtigten Mietskasernen, in denen eine vielköpfige Familie ein einziges Zimmer bewohnte und das Bett dank der Schlafburschen nie kalt wurde.

Karte von Moabit 1861

Die Feierlichkeiten zum 150. Jahrestag der Eingemeindung von Moabit, Wedding und Gesundbrunnen nach Berlin starten am 4. Juni 2011 mit einer Veranstaltung des Vereins Historiale e.V. in der Moabiter Arminiushalle. Zwischen 14 und 18 Uhr wird man in die Zeit um 1861 zurückversetzt werden. Bolle, Borsig, Virchow und Rathenau werden wiederauferstehen und uns etliches zur Geschichte erzählen.


www.berlin-wird-groesser.de

Schultheiss-Brauerei in Moabit

24. Mai 2011 9 Kommentare

Eigentlich müsste dem Titel dieses Beitrags ein mehrfaches „ehemalig” vorangehen, denn die Brauerei ist schon seit 1980 keine mehr und Schultheiss hat als eigenständiges Unternehmen ausgedient. Heute ist es nur noch eine Marke, die Herr Oetker mit seiner Radeberger-Gruppe gelegentlich wiedererweckt, um uns Vielfalt vorzugaukeln.

Aber das große, aus Hunderttausenden gelber Ziegel schon ab 1872 nach Plänen von Friedrich Koch errichtete Gebäude, das sich die Stromstraße entlangzieht, steht noch. Es beherbergt das Sudhaus und im nördlichen Teil die Kellereien der damaligen Actien-Brauerei-Gesellschaft Moabit. Mit seinem burgartigen Äußeren, den Türmchen und Zinnen, prägt es wie kaum ein anderes das Moabiter Stadtbild, auch wenn es durch die jahrzehntelange Verwahrlosung trotz Denkmalschutz arg gelitten hat und von den hier Ansässigen wohl kaum noch wahrgenommen wird.

Bereits 2006 erwarb ein Investor, die HLG aus Münster, das Schultheiss-Gelände und möchte hier unter Einbeziehung des denkmalgeschützen Bestands ein Einkaufszentrum bauen. 2007 stand sogar schon ein Bauschild an der Ecke zur Turmstraße und es war die Rede von einem Baubeginn 2008 und einer Fertigstellung 2010 (so ist es auch im Archiv des Tagesspiegels nachzulesen). Daraus ist aus verschiedenen Gründen nichts geworden, bis heute wurde nichts gebaut und das Projekt steckt immer noch in der Phase der Genehmigung des Bebauungsplans.

Inzwischen wurde mit Kahlfeldt-Architekten ein anderes Architektenbüro beauftragt, das die Auflagen des Denkmalschutzes wohl besser erfüllen konnte. Kahlfeldt-Architekten haben etliche der von mir so geliebten Bauten von Hans Heinrich Müller (zum Beispiel Humboldt-Umspannwerk, Umspannwerk Scharnhorst, Gleichrichterwerk Zehlendorf) umgebaut und einer neuen Nutzung zugeführt, so dass ich überzeugt bin, dass hier »die Richtigen« die Planung machen.

Gleichwohl gab und gibt es natürlich auch an dieser Planung Kritik: mit 20.000 qm zu große Verkaufsfläche, zu viele Parkplätze im zu großen Parkhaus an der Perleberger Straße, kein Zugang zum Einkaufsparadies aus dem Norden, zu geringes Angebot an Flächen für Kultur, zu dichtes Heranrücken an die bestehenden Wohnhäuser der Lübecker Straße, usw. Einige der Kritikpunkte, die auf einer ersten öffentlichen Präsentation der Pläne von Anwohnern vorgetragen wurden, haben die Architekten, wie gestern (23. Mai 2011) auf einer zweiten öffentlichen Veranstaltung zu erfahren war, berücksichtigt: So wurde das Parkhaus im Volumen und in der Höhe reduziert und rückte von den Häusern der Lübecker Straße ab, wodurch einerseits die Verschattung der angrenzenden Hinterhöfe deutlich verringert wird, und andererseits eine Durchwegung geschaffen wird, die das EKZ auch von Norden für Fußgänger erreichbar macht. Damit scheinen mir die Planer schon mal auf dem richtigen Weg zu sein.


Planung Baukörper Stand Mai 2011

Aber auch diese Änderungen sind nicht allen Betroffenen ausreichend, denn trotz des Abrückens werden die für Neubauten geforderten Mindesabstandsflächen nicht durchgängig eingehalten. Eine Anwohnerin hat anhand eines selbst gebauten Modells sehr anschaulich dargestellt, wie der Ausblick aus ihrem Fenster im zweiten Stock heute aussieht und wie er aussähe, wenn das Parkhaus gemäß der heutigen Planung gebaut würde.


Ausblick heute und nach dem Bau des geplanten Parkhauses

Die Beeinträchtigung des Ausblicks wurde damit zwar recht drastisch dargestellt, aber es stellt sich die Frage, ob es einen Rechtsanspruch darauf gibt, dass ein Ausblick nicht durch Neubauten verstellt wird. Eine weitere Frage ist, ob die Beeinträchtigung des Ausblicks durch das weitere Abrücken des Neubaus um weitere 1,30 Meter geringer ausfiele (womit die Forderung nach den einzuhaltenden Mindestabstandsflächen erfüllt würde). Eine Verbesserung gegenüber dem Status quo ist die überarbeitete Planung für die Betroffenen sicher nicht, aber eine Verbesserung gegenüber der ersten Planung ist deutlich zu erkennen. Hier wird wohl noch einige Arbeit erforderlich sein, um zu einem für alle Beteiligten und Betroffenen annehmbaren Kompromiss zu gelangen.

Moabiter Gedenktafel

16. Mai 2011 11 Kommentare

An der Kreuzung von Alt-Moabit und Stromstraße, dort, wo Moabit am lautesten ist, ist an einem Laternenpfahl ein unauffälliges Täfelchen mit dieser Inschrift angebracht: „Hier trafen sich am 4. Jan. 2000 um 16:00 Uhr K. Sakrowski und S. Breitwieser“. Es wird wohl auch geachtet, sonst hätten die Maler sicher ihre grüne Farbe ganz über das blassrote Täfelchen gekladdert.

Ein bisschen Suchen liefert überraschend schnell den Hintergrund: An dieser Ecke trafen sich die beiden Künstlerinnen Silvia Breitwieser und Karin Sakrowski, die sich zuvor nicht kannten. Das Treffen war Teil des Kunstprojektes Begegnungen von Christian Hasucha, der zu dieser Öffentlichen Intervention schreibt: „Adressdateien von Kunstinstitutionen lieferten die Daten für die Namensliste, die an alle dort aufgeführten Personen versandt wurde. Aus dieser Liste konnten unbekannte Personen ausgewählt und eine Begegnung mit ihnen bestellt werden. Mit speziellen Mitteilungs- und Antwortkarten versuchte Initiator Christian Hasucha, diese Treffen der einander Unbekannten im Stadtgebiet zu arrangieren. Alle Begegnungs-Orte wurden mit witterungsbeständigen Hinweistäfelchen gekennzeichnet, die individuellen Auswirkungen der Begegnungen werden nach einigen Jahren recherchiert.“

Zunftwirtschaft in der Arminiushalle

7. Mai 2011 33 Kommentare

Nun es es soweit: in der nächsten Woche, sprich: ab dem 16. Mai 2011, eröffnet die Zunftwirtschaft in der Moabiter Arminiushalle (heute auch als Zunfthallle bekannt) ihre Pforten. Ich durfte gestern schon mal ein wenig vorkosten.

Der Gastraum ist einfach und schlicht eingerichtet, das dunkle Holz des Bodens und der Tische und Stühle bricht die Strenge des ansonsten ganz in weiß gehaltenen Raums, wechselnde Ausstellungen von Moabiter Künstlern schaffen Atmosphäre.

Das kleine aber feine Angebot an Speisen und offenen Weinen verkünden zwei große Tafeln. Konzept des Betreibers Hans-Gerd Staschewski ist es, aus frischen, möglichst regionalen Produkten mit bekannter Herkunft eine wöchentlich wechselnde Karte zusammenzustellen, die stets auch den saisonalen Aspekt unterstreichen soll.

Jahreszeitgemäß dominiert der Spargel die Karte und so durfte ich auch gleich frischen Spargel mit Schnitzel probieren, beides war perfekt zubereitet und einfach lecker. Dazu ein schöner Riesling aus der Pfalz – was will man mehr. Vielleicht statt des Weins ein gepflegtes, hausgebrautes Bier? Auch das geht bald, denn dann wird das in der Arminiushalle gebraute Bier von Brewbaker ausgeschenkt.

Ich wünsche dem Team der Zunftwirtschaft viel Erfolg, auch mit dem Hintergedanken, dass ich dort noch öfter einkehren kann.


Zunftwirtschaft
Arminiusstraße 2, 10551 Berlin

0151 40353940
www.zunftwirtschaft.net

Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 16.00 Uhr bis 24.00 Uhr (Küche bis ca. 22.00 Uhr)

Neulietzegöricke im Oderbruch

5. Mai 2011 18 Kommentare

Neulietzegöricke – was für eine Name! Es ist nicht der einzige ungewöhnliche Ortsname in dieser Gegend, das Oderbruch hat eine Menge davon zu bieten: Zäckeritzer Loose, Neutucheband, Wuschewier, Güstebieser Loose, Neuküstrinchen, Gottesgabe, Beauregard, Vevais usw.

Neulietzegöricke ist das erste Kolonistendorf, das nach der Trockenlegung des Oderbruchs 1753 gegründet wurde, um Bauern aus den verschiedensten Regionen Deutschlands und darüber hinaus anzusiedeln, die das frischgewonnene und überaus fruchtbare Land bewirtschaften sollten.

Das Dorf, das heute 220 Einwohner hat, ist weitestgehend in seiner ursprünglichen Form erhalten geblieben. Es ist ein hervorragendes Beispiel eines Kolonistendorfs, dessen planmäßige Anlage ganz durch die besondere Lage im feuchten Oderbruch geprägt ist. Die Häuser stehen entlang des sogenannten Schachtgrabens, der einerseits der Entwässerung diente, andererseits Erdreich lieferte, um die Häuser leicht erhöht errichten zu können und sie so besser gegen die Feuchtigkeit schützen zu können.

Die Kolonisten hatten 10, 25, 45, 60 oder 90 Morgen Land, dementsprechend unterschiedlich groß waren auch ihre Höfe: Es gab drei unterschiedliche Haustypen. Auch wenn von der ursprünglichen Bebauung kein Haus mehr steht, so wurden doch die Nachfolgerbauten in der Regel auf dem alten Grundriss neu errichtet. Die gesamte Anlage des Dorfs steht daher unter Denkmalschutz.


Am Schachtgraben

Entlang dieses langgestreckten Dorfangers, der von großen Bäumen gesäumt wird, stehen zu beiden Seiten die Hofanlagen, angelegt als Fachwerkhäuser, die zum größten Teil liebevoll restauriert wurden. Die Gehöfte, deren Wirtschaftsland gleich hinter den Häusern lag, wurden in unterschiedlichen Größen angelegt.

Auf dem Anger selbst stehen die gemeinschaftlich genutzten Bauten: Kirche, Schule und Dorfkrug. Letzterer trägt den schönen Namen „Zum feuchten Willi”. Hier kann man nach einem Rundgang durch das Dorf den Durst löschen und sich mit einem kleinen Imbiss stärken. Sehr zu empfehlen ist die Lungwurst vom Ziegenhof im nahegelegen Zollbrücke.


Zum feuchten Willi

Wenn man Neulietzegöricke besucht, empfiehlt es sich, eine Führung mit dem ehrenamtlichen Bürgermeister – er nennt sich selbst gerne Dorfschulze – zu machen. Er erzählt vieles zur Geschichte seines Dorfes und man gewinnt schnell den Eindruck, dass er sich überaus engagiert für seine Heimatgemeinde einsetzt. Das geht hin bis zur Anwerbung neuer Kolonisten, die hier willkommen sind, um ein altes Fachwerkhaus zu erwerben und wieder herzurichten.

Übrigens: Wo es ein Neulietzegöricke gibt, kann das Altlietzegöricke nicht weit sein: Es liegt als Stare Łysogórki auf der polnischen Seite der Oder.


Neulietzegöricke
16259 Neulewin

www.neulietzegoericke.de
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