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Archiv für die Kategorie ‘Besuchen und anschauen’

Cimetière de Montmarte

29. November 2009 4 Kommentare

Die Bestattungskultur ist vielleicht nicht so sehr von der Religionszugehörigkeit der Bestatteten abhängig, als von dem Landstrich, in dem sie begraben liegen. Die lokalen, über die Jahrhunderte entwickelten Gebräuche bestimmen, wie ein Friedhof aussieht. So erkennt man, hat man erst einmal ein paar Friedhöfe in verschiedenen Ländern besucht, ziemlich bald, ob ein Begräbnisplatz italienischer, deutscher oder französischer Prägung ist. Der Franzose, zumindest der Pariser, wenn ich das so pauschalisierend sagen darf, scheint mir Pflanzen auf den Friedhöfen mit der Ausnahme von Bäumen am Rande der Grabfelder nicht zu tolerieren. Statt Platz für die blanke Erde zu lassen, die Pflanzen zwischen oder auf Gräbern benötigen, reiht sich hier Grab an Grab, die schmalen Wege dazwischen sind gepflastert. Die Gräber selbst – wenn sie nicht gerade im Stil kleiner Grabkapellen ausgeführt wurden – sind meist von schweren Granitplatten abgedeckt, ganz so, als solle nichts die ewige Ruhe stören können. Nur im November, da gibt es ein paar Blumen auf dem Friedhof, denn an Allerheiligen besuchen die Franzosen den Friedhof und stellen einen Topf Chrysanthemen auf das Grab.

  

Solch ein Friedhof ist auch der Pariser Nordfriedhof, besser bekannt als Cimetière de Montmarte. Seit 1888 führt eine eiserne Brücke die viel befahrene Rue Caulaincourt über die südliche Ecke des Friedhofs. Darunter stehen ganz ungerührt noch einige der Grabkapellen, deren Dächer nun zwischen die Träger der Brücke ragen.

Auf diesem Friedhof liegen etliche bekannte Persönlichkeiten, darunter der deutsch-jüdische Dichter Heinrich Heine, der 1831 – der Zensur in Deutschland überdrüssig geworden – nach Paris übersiedelte, dort aber stets den Verlust von Heimat und Muttersprache bedauerte, der schon mit dem Untergang seines Namens begann, den kaum ein Franzose aussprechen konnte.

  

Die Lieblingszicke war ganz unglücklich, dass wir die Gräber von Koltès und Truffaut nicht gefunden haben, tröstete sich dann aber mit dem von Stendhal.

Tipp: Auf der unten angegebenen Website der Stadt Paris gibt es ein Verzeichnis der bekannteren hier bestatteten Persönlichkeiten und einen Plan des Friedhofs als PDF, den man sich vor einem Besuch ausdrucken sollte.


Cimetière de Montmarte
Avenue Rachel 20, 75018 Paris

www.paris.fr

Einer geht noch …

21. November 2009 4 Kommentare

Fünf Krane stehen ja schon hier auf dem früheren Paech-Brot-Gelände, aber es geht immer noch einer mehr.

Derweil am späten Freitagnachmittag ein Betontransporter nach dem anderen anrollt, um die hungrigen Mäuler der beiden Betonpumpen zu stopfen, die ohn Unterlass einen Kubikmeter Beton nach dem anderen in die künftige Decke des ersten Obergeschosses befördern, und die Wunderwurst ganz am Rande der riesigen Baustelle die Mägen der hungrigen Arbeiter ruhigstellt, bestückt ein Teleskopmobilkran von Liebherr, ausgeliehen bei Grohmann, einen zweiten mit einem zusätzlichen Fachwerkausleger, um ihn noch ein paar Meter länger zu machen. Denn der muss am nächsten Tag ganz hoch hinaus, um den sechsten Kran – einen Turmdrehkran von Wolff – zusammenzusetzen und schließlich auch den Ausleger und die Gegengewichte hochzuhieven.

  

Am heutigen Samstagmorgen steht um 10 Uhr schon der größte Teil des Krans. Bis zum Nachmittag werden am Boden die einzelnen Teile des Auslegers vormontiert, so dass später der Ausleger in zwei Teilen nach oben schweben und dort von schwindelfreien Himmelstürmern am Tragwerk des Krans befestigt werden kann.

  
Der hintere Teil des Auslegers schwebt nach oben und wird dort montiert

  
Etwas später tritt auch der vordere Teil des Auslegers die Reise an und findet oben seinen Platz, nachdem der Kran gedreht wurde


Um 4 Uhr nachmittags steht der neue Kran, es fehlen nur noch die Gegengewichte

Bis zur Montage der Gegengewichte habe ich nicht mehr gewartet, der Akku im Fotoapparat war leer und es war dann auch schon dunkel. Zum Trost und weil’s so schön ist, hier noch ein paar Szenen vom Kranaufbau als Video:

Zum Anheben des Auslegers lässt der Pfarrer der nahen Heilige-Geist-Kirche schon mal die Glocken läuten und die Kinder unter den Zuschauern lassen begeistert ihren Phantasien freien Lauf.

Baustelle verbessert – jetzt mit fünf Kränen!

6. November 2009 6 Kommentare

Paech-Brot-Gelände

Zwar stehen hier nicht so viele Krane (sagt der Fachmann) oder Kräne (sagt der begeisterte Laie) wie auf der Baustelle des BND, aber fünf ist doch auch schon ein ganze Menge. Die drei großen davon auf festem Betonsockel verschraubt (wie in der Bildergalerie zu meinem ersten Bericht über die Baustelle auf dem früheren Paech-Brot-Gelände zu sehen ist).

Paech-Brot-Gelände  Paech-Brot-Gelände

Paech-Brot-Gelände  Paech-Brot-Gelände

Paech-Brot-Gelände  Paech-Brot-Gelände

Paech-Brot-Gelände  Paech-Brot-Gelände

Paech-Brot-Gelände


Edeka e-center

Birkenstraße 23S, 10559 Berlin
Edeka

Völklinger Hütte

1. November 2009 5 Kommentare

Rost und Farbe halten ein Schiff zusammen, spottet so mancher Seemann. In der Völklinger Hütte geht es auch vollkommen ohne Farbe, dafür gibt es umso mehr Rost. Und dieser Rost zeigt ein erstaunliches Farbspektrum auf erstaunlichen Oberflächen. Da es aber kein Cortenstahl ist, aus dem die Hochöfen vor mehr als hundert Jahren gebaut wurden, nagt der Zahn der Zeit doch hier und da sichtbar an der Substanz und schafft interessante Strukturen. Die Natur verhilft sich auch zu ihrem Recht, an den ungewöhnlichsten Stellen sprießt Grünes aus dem Rost. Wie schön das sein kann, hat uns Lakritze schon berichtet.

Völklinger Hütte Völklinger Hütte
Rost an Rohr neu, geschweißt, und an Rohr alt, genietet

Beeindruckend ist nicht nur der rostrote Farbenreichtum, sondern vor allem die gigantische Größe dieser Industrieanlage: 52.000 Tonnen rostendes Eisen auf 600.000 Quadratmetern, mit allen Anlagen, die dazu gehörten, um die sechs im Zentrum stehenden Hochöfen rund um die Uhr in Betrieb zu halten. Dazu gehören unter anderem Bestandteile mit so schönen Namen wie Sinteranlage, Gebläsehalle, Gichtbühne, Möllerhalle, Erzhalle, Granulieranlage, Winderhitzer, Schraubenverdichter, Gasometer, Kokerei, Trockengasreinigung, Cowper, Gichtgasrohre, Heißwind, Kaltwind, Ofenreise, Sauloch, Torpedowagen.

Völklinger Hütte Völklinger Hütte
In der Sinterhalle; Grün an Rost

Gleich neben der Hütte – man schaut über Teile der Kokereianlagen hinweg – liegen Hermann und Dorothea, die beiden Abraumberge.

Völklinger Hütte
Hermann und Dorothea

Beim Durchwandern der Anlage erfährt man ganz gut, was man alles zur Eisenherstellung braucht und wie dieser Prozess abläuft. Am besten erklärt es aber der Ausschnitt aus der Sendung mit der Maus, der im Ferrodrom in der untersten Etage der Möllerhalle zu sehen ist.

Völklinger Hütte Völklinger Hütte
Hoch oben: auf der Gichtbühne; in der Möllerhalle

In den stillgelegten Anlagen zur Eisenherstellung finden wechselnde Ausstellungen statt, die man aber eigentlich nur dann wahrnehmen kann, wenn man die Hütte selbst schon gut kennt. Ich fand es eher eine Überforderung, sich neben dem Industriedenkmal selbst auch noch mit den Gemälden von Otmar Alt, den Staatsgeschenken an die Bundesrepublik und einer Reise durchs Gehirn auseinanderzusetzen. Völklinger Hütte
Blick auf die Hochöfen

Die ehemalige Roheisenproduktion der Völklinger Hütte ist das weltweit einzige vollständig erhaltene Eisenwerk aus der Blütezeit der Industrialisierung. In den 1960er Jahren arbeiteten 17 Tausend Menschen bei der Völklinger Hütte, nur 20 Jahre später wird das Werk, das ein Jahrhundert lang Roheisen produzierte, stillgelegt. Die gigantische Hüttenanlage ist seit 1994 Weltkulturerbe der UNESCO.

Völklinger Hütte

Was sonst noch auffällt: Wichtigste Fremdsprache ist hier Französisch.


Völklinger Hütte
Rathausstraße 75-79, 166333 Völklingen

06898 9100-100
uni-sb.de
www.voelklinger-huette.org

Straße der Erinnerung

23. Oktober 2009 8 Kommentare

Das Gebäude an der Spree, das man ab und zu im Fernsehen sieht, wenn vom Innenministerium die Rede ist, ist nicht etwa Eigentum des Bundes, sondern gehört der Freiberger-Holding, von der es der Bund zu großen Teilen bis 2017 für das Ministerium gemietet hat.

Freiberger-Bau am Spreebogen

Ernst Freiberger, der als Pizzakönig mit seinem früheren Unternehmen (Motto »The convenience food group«) reich geworden ist, hat über die von ihm gegründete gleichnamige Stiftung in den letzten Jahren am Uferweg zwischen diesem Gebäude und der Spree ein Reihe von Portraitbüsten aufstellen lassen. Zu jeder der dort dargestellten Personen erschien im be.bra-Verlag eine Monographie.

Das erste Denkmal wurde im Januar 2002 enthüllt und ist Albrecht Haushofer gewidmet, der während seiner Haft im Moabiter Zellengefängnis die Moabiter Sonette verfasst hat und von den Nazis im April 1945 ermordet wurde (seine Grabstätte ist unweit des Denkmals auf dem Friedhof Wilsnacker Straße). Lange Zeit stand es hier als Solitär, bis am 22. Juni 2005 aus Anlass seines 95. Geburtstags die Büste von Konrad Zuse folgte, Erfinder des Computers und der ersten Programmiersprache. Der Zusammenhang zwischen Haushofer und Zuse erschloss sich mir damals nicht, beiden gemein erschien mir lediglich, dass sie einem breiten Publikum wohl eher unbekannt sind.

Straße der Erinnerung  Straße der Erinnerung
Albrecht Haushofer, Schriftsteller; Konrad Zuse, Computer-Pionier

Am 18. September 2006 wurde das Denkmal für Walther Rathenau mit einer Kopie der 1908 von Hermann Hahn gestalteten Büste eingeweiht, der am 4. Juli 2007 das Denkmal für Thomas Mann folgte.

Straße der Erinnerung  Straße der Erinnerung
Walther Rathenau, Unternehmer und Reichsaußenminister; Thomas Mann, Schriftsteller

Um den Jahreswechsel 2007/2008 kam die Büste von Ludwig Mies van der Rohe, die der Berliner Bildhauer Rolf Biebl schuf. Dem schwäbischen Tischler Georg Elser, der als Einzeltäter ein gescheitertes Attentat auf Hitler verübt hat, hat die Freiberger-Stiftung am 24. September 2008 das sechste Denkmal gewidmet. Die Laudatio hielt Wolfgang Schäuble.

Straße der Erinnerung  Straße der Erinnerung
Ludwig Mies van der Rohe, Architekt; Georg Elser, Widerstandskämpfer

Beim Denkmal für Edith Stein, zu dessen Enthüllung am 25. März 2009 Anette Schavan das Grußwort sprach, konnte ich mich des Gedankens kaum erwehren, ob sie wohl die Alibi-Frau inmitten der verdienten Herren darstellen sollte, ganz so, als ob ein Berater Herrn Freiberger gesagt hätte, er müsse auch eine Frau in die Reihe seiner »Helden ohne Degen« aufnehmen. Die eindrucksvolle Plastik schuf der Düsseldorfer Bildhauer Bert Gerresheim.

Straße der Erinnerung
Edith Stein, Philosophin

Vor wenigen Tagen, am 14. Oktober 2009, wurden nun zwei Tafeln auf Granitblöcken installiert, die die Sammlung von Büsten als „Straße der Erinnerung“ auszeichnen. (Die Tafeln mit dem falschen englischen Text „Road of Rembrance“ wurden später gegen neue ohne diesen Fehler getauscht).

Straße der Erinnerung  "Wir sind das Volk"

Auf den Tafeln lesen wir: Hier ehrt die Ernst Freiberger-Stiftung deutsche Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Politik, die Großes geleistet haben und für Freiheit und Menschenwürde eingetreten sind. Insgesamt sollen hier zwölf Büsten aufgestellt werden.

Gleichzeitig mit den Tafeln wurde das Denkmal »Wir sind das Volk« des Bildhauers Rolf Biebl eingeweiht. Mir gefällt es weder als Einzelkunstwerk so gut, noch scheint es mir vom Erscheinungsbild und der Aussage nach in den Rahmen der Sammlung der bislang sieben Portraitbüsten zu passen, die doch ganz klar benannte Individuen würdigen.


Straße der Erinnerung
Spreebogen zwischen Kirchstraße und Stromstraße, 10559 Berlin

www.freiberger-stiftung.de
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St. Marienkirche in Berlin

21. Oktober 2009 13 Kommentare

St. Marien  St. Marien

Direkt neben, oder besser unter dem Fernsehturm steht St. Marien, eine dreischiffige Hallenkirche im Stil der märkischen Backsteingotik, gebaut aus roten Ziegeln und mit einem Turm aus massiven Feldsteinen, der ursprünglich eine hölzerne Haube trug. Ihr Bau wurde um 1270 begonnen und Anfang des 14. Jahrhunderts fertiggestellt.

Einst stand die Kirche im Zentrum des alten Berlins am Neuen Markt und war dicht umgeben von Bürger- und Geschäftshäusern, die teilweise, wenn auch kriegsbeschädigt, noch bis 1960 hier standen. Heute ist sie neben dem Roten Rathaus das einzige historische Gebäude, das auf der leeren Fläche der von Liebknechtriegel und Rathauspassage gesäumten via triumphalis der sozialistischen Stadt, übrig geblieben ist.

St. Marien  St. Marien

Im Laufe ihrer Geschichte erfuhr die Kirche wiederholt Umbauten. Nicht nur der Turm wechselte öfter, meistens in Folge eines Brandes, seine Gestalt. Die jetzige Kupferhaube im neugotischen Stil wurde 1790 durch Carl Gotthard Langhans geschaffen. Das Kircheninnere wurde 1703 unter Leitung von Andreas Schlüter zu einem Predigtsaal umgestaltet. Aus dieser Zeit stammt die bis heute erhaltene barocke Alabasterkanzel. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fand ein erneuter Umbau unter Leitung von Hermann Blankenstein statt.

Nachdem die Kirche im Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschädigt geblieben war, wurden viele Kunstwerke aus anderen zerstörten Kirchen nach St. Marien gebracht, so dass die Kirche heute über eine ungewöhnlich reichhaltige Ausstattung verfügt.

St. Marien  St. Marien

Ganz besonders hervorzuheben ist die Darstellung des Totentanzes in der Turmhalle, die aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert stammt. Auf 22 Meter Länge zeigt das Fresko einen Reigen aus geistlichen und weltlichen Ständevertretern, die jeweils von einer Todesgestalt begleitet werden. In den Versen unter den 28 Bildern, die die älteste erhaltene Berliner Dichtung darstellen, beklagen die Sterblichen ihr Leid und bitten den Tod um Aufschub. Die Bilder sind leider stark verblasst und Teile, vor allem der Texte, fehlen.

St. Marien

Unter dem Ritter in der Mitte dieses Ausschnitts ist folgendes zu lesen (zitiert nach Peter Walter: Der Berliner Totentanz zu St. Marien, Berlin 2005):

Her ritter med juweme krewete stolt
hir hebbe gy gedragen dat rode golt
hebbe gy iwer ere hir genuch gedhan
so moge gy nhu froliken mede my ghan
legget das scarpe swert van iwer siden
gi muthen med my an den dodendantz gliden

Herr Ritter mit eurem Harnisch stolz
Hier habt ihr getragen das rote Gold
Habt ihr eurer Ehre auf Erden genüge getan
So könnt ihr jetzt fröhlich mit mir gehen
Legt das scharfe Schwert von eurer Seite
Ihr müsst mich jetzt beim Totentanz begleiten

Von des Ritters Flehen um Aufschub sind leider nur noch wenige Worte erhalten.

Die Orgel ist eine Rekonstruktion des alten Werks des Berliner Orgelbauers Joachim Wagner von 1723, auf der einst auch Johann Sebastian Bach spielte. Restbestände der alten Orgel sind in den Neubau eingegangen, den die Orgelbaufirma Alfred Kern & Fils aus Straßburg durchführte.


St. Marienkirche
Karl-Liebknecht-Straße 8, 10178 Berlin

030 2424467
www.marienkirche-berlin.de
Eintrag in der Berliner Denkmaldatenbank

Öffnungszeiten: täglich 10 bis 21 Uhr

Opernhaus Leipzig

12. Oktober 2009 2 Kommentare

Oper Leipzig

Eine Perle der sozialistischen Baukultur der DDR steht in Leipzig am Augustusplatz: das Opernhaus, das von 1956 bis 1960 nach Plänen des Architekten Kunz Nierade als Ersatz für das im Krieg zerstörte Neue Theater erbaut wurde. Es ist der erste Theaterneubau, den die DDR errichten ließ, 44,6 Mio. DDR-Mark hat er gekostet. Es ist wohl auch der größte: Das Bühnenhaus misst immerhin 30 mal 23 Meter und der Saal bot ursprünglich mehr als 1600 Zuschauern Platz.

Neues Theater Leipzig um 1900
Neues Theater um 1900 (Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei)

Von den spätklassizistischen Formen des 1864-1868 nach Plänen von Carl Ferdinand Langhans errichteten Vorgängerbaus ließ sich Nierade offensichtlich inspirieren und hat dem Baukörper eine recht ähnliche Form gegeben. Die Fassadengestaltung mit hellem Pirnaer Sandstein, den großflächigen Fenstern mit goldfarben eloxierten Aluminiumrahmen und mit den recht wenigen Schmuckelementen ist aber ganz im Stil der Zeit gehalten. So zeigt das Opernhaus die gelungene Synthese zwischen klassizistischem Erbe und moderner Architektur. Ursprünglich hätte das Haus noch viel mehr Schmuck tragen sollen, wegen Rohstoffmangels ist es aber dazu nicht gekommen – glücklicherweise, muss man im Rückblick wahrscheinlich sagen.

Oper Leipzig
Garderobenhalle

Noch mehr zeigt das Haus von Innen seinen besonderen Baustil, den man ganz gut als sowjetisches Art Déco charakterisieren könnte. Die Wände, Pfeiler und Säulen im Eingangsbereich und der recht niedrigen Garderobenhalle sind teilweise mit handgefertigten weißen Fliesen aus Meißener Porzellan verkleidet.

Oper Leipzig
Treppe

Über aufwendig gestaltete Treppenhäuser gelangt man auf rotem Teppich schreitend vorbei an mit Blattgold ausgeschlagenen Wänden in das Parkettfoyer. Geländer und Handläufe sind ganz im typischen Stil der 1950er Jahre gehalten.

Oper Leipzig
Parkettfoyer in Birnbaumholz

Im Parkettfoyer sind die Wände großflächig mit rötlich schimmerndem Birnbaumholz verkleidet. Im Kontrast zur streng gehaltenen Vertäfelung steht die ornamental gestaltete Decke. Bemerkenswert sind hier auch die vereinzelt zu findenden Sitzmöbel, die ebenfalls ganz deutlich zeigen, aus welcher Zeit sie stammen.

Oper Leipzig
Decke im Parkettfoyer

Die Wände des Zuschauerraums sind ganz mit Riegelahorn mit seiner charakteristischen Maserung verkleidet, das der besseren Akustik wegen nicht flach sondern fächerartig angebracht ist. Besonders auffällig sind hier die halbrunden Logen – Intendantenloge und Staatsratloge – von denen aus man wohl einen Teil der Bühne nicht sieht, aber dafür selber gut gesehen werden kann.

Oper Leipzig
Blick vom Rang in den Zuschauerraum

Im ganzen Haus finden sich aufwendig gestaltete vielflammige Leuchter, es wird sicher ein massives und finanziell ruinöses Unterfangen, hier auf Energiesparlampen umrüsten zu wollen.

Oper Leipzig Oper Leipzig
Leuchter im Rangfoyer und im Zuschauerraum

Im Jahr 2007 wurde das Opernhaus mit einem Aufwand von 9,5 Millionen Euro umgebaut und in den Originalzustand von 1960 zurückversetzt. Durch eine großzügigere Bemessung der Beinfreiheit bietet das Theater heute nur noch etwas weniger als 1300 Zuschauern Platz.

Kunz Nierade, der Architekt des Opern, war übrigens auch Leiter des Architektenkollektivs, das die Pläne für die 1965/66 erfolgte grundlegende Erweiterung der Komischen Oper in Berlin lieferte, der die Hauptfront in der Behrenstraße die Neugestaltung ganz im sachlichen Stil der 1960er Jahre verdankt.


Oper Leipzig
Augustusplatz 12, 04109 Leipzig

0341 71680
oper-leipzig.de

Dépôt de mémoire et d’oubli

8. Oktober 2009 1 Kommentar

Dépôt de mémoire et d'oubli

Im Blumenhof des Koblenzer Museums Ludwig steht – besser: liegt – unter den Bäumen am höchsten Punkt der Umfassungsmauer die Installation »Dépôt de mémoire et d’oubli« des französischen Künstlerpaars Anne und Patrick Poirier. Sie wurde eigens zur Gründung des Museums (1992) geschaffen, das sich schwerpunktmäßig der zeitgenössischen französischen Kunst widmet.

Deutsches EckDas Museum selbst ist im Deutschherrenhaus untergebracht, der ersten Niederlassung des Deutschen Ordens im Rheinland, die Anfang des 13. Jahrhunderts gegründet wurde und dem Ort den Namen Deutsches Eck einbrachte. Heute bezeichnet man gemeinhin nicht mehr den ursprünglichen Ort sondern die Spitze des Landdreiecks am Zusammenfluss von Mosel und Rhein mitsamt dem darauf 1897 errichteten Denkmal mit diesem Namen.

Genau in der Blickachse zu diesem Denkmal, auf dem Kaiser Wilhelm I. Frankreich und dem Betrachter den Rücken zuwendet, liegt das schöne Ruinenfeld mit dem ins Deutsche übersetzten Titel »(Gedenk)Stätte der Erinnerung und des Vergessens«. Die zeitgenössische Installation der beiden Franzosen scheint die antikisierenden Formen der Marmorbruchstücke zu verwenden, um den Bogen zwischen Altem und Neuem zu schlagen. Sie spielen dabei auch mit der Mehrdeutigkeit des Wortes »Dépôt«, nur unzureichend mit »Stätte« übersetzt – ich hätte »Ablage« passender gefunden.

Das Werk lässt sich in die mit „Spurensicherung“ bezeichnete Kunstrichtung einordnen. Sie versucht mit Methoden, die an naturwissenschaftliche Forschung erinnern, verborgene Bezüge zwischen der Gegenwart und historischen Gegebenheiten aufzudecken und anschaulich zu machen, stellt aber gleichzeitig diese Wissenschaften, deren Mittel sie scheinbar einsetzt, in Frage. Dazu werden mitunter, so auch bei diesem Kunstwerk, fiktive Fundstücke eingesetzt. Auf solchen lesen wir hier: ocvlvs memoriæ, zeichen und sätze, worte sind schatten, finsternis, amnesie, mnemosyne, augenzeuge.

Dépôt de mémoire et d'oubli

Und zwischen ocvlvs memoriæ und augenzeuge blickt uns das weiße, leere Marmorauge an.


Museum Ludwig im Deutschherrenhaus
Danziger Freiheit 1, 56068 Koblenz

0261 3040412
www.ludwigmuseum.org

Cornelius Holtorf: „Archäologie als Spurensicherung“

Wahllokal Breitscheid-Oberschule

3. Oktober 2009 4 Kommentare

Breitscheid-Oberschule

„Zur Ehre Gottes“ war ich hier ganz bestimmt nicht wählen.

Wenn’s nach den Wahlergebnissen in meinem Wahlbezirk ginge, hätten die Grünen alleine mehr als CDU und FDP zusammen. Erstaunlicherweise haben die Piraten mit 7,5 % mehr als das doppelte des Berliner Ergebnisses errungen.

Gebaut wurde die Schule 1881-82 als Gemeindeschule nach Plänen des Stadtbaurats Hermann Blankenstein, dem wir auch die schöne Arminiushalle verdanken.


Breitscheid-Oberschule
Turmstraße 86, 10559 Berlin

030 39063160
Homepage der Breitscheid-Oberschule

Groterjan Brauerei

27. September 2009 3 Kommentare

Die Malzbierbrauerei Groterjan zog 1899 von der Schönhauser Allee in die Prinzenallee um. Sie war die größte Herstellerin von Malzbier in Berlin. 1929 wurden die Produktionsstätten um ein neues Verwaltungsgebäude und eine Flaschen-Abfüllanlage erweitert. Für beides lieferte der Architekt Bruno Buch die Pläne, der für eine ganze Reihe bemerkenswerter Industriebauten in Berlin verantwortlich zeichnete.

Groterjan-Brauerei

Die Gebäude zeichnen sich durch ihre klare, sachliche Form aus, die lediglich an der Straßenseite durch einige expressive Elemente aufgebrochen wird. Auffallend ist hier die starke Betonung der Horizontalen, die der Architekt durch die Verwendung von dunklen Ziegeln für das Erdgeschoss und für die Simse erreicht, die sich deutlich von den gelben Ziegeln der Obergeschosse abheben.

Auf der Hofseite treffen die stark horizontal geprägte Fassade der früheren Abfüllanlage mit der Vertikalen des Treppenhausturms aufeinander.

Groterjan-Brauerei

1961 übernahm Schultheiss (gemäß Luise) die Groterjan-Brauerei, die aber schon 1978 stillgelegt wurde. Bis auf die Flaschen-Abfüllanlage wurden die rückwärtigen Teile der Brauerei 1980 abgerissen, so dass heute nur noch die von Buch entworfenen Bauteile stehen, die unter Denkmalschutz stehen und heute von Industrie und Gewerbe genutzt werden. Unter der Ägide von Schultheiss wurde hier nicht nur Malzbier, sondern auch Groterjan Weiße hergestellt. Ein Relikt kann man im Felsenkeller bewundern.

Interessant ist wie bei so vielen deutschen Unternehmen die Geschichte des Eigentümerwechsels der Brauerei: Der jüdische Kaufmann Ignatz Nacher wurde 1901 Teilhaber der seinerzeit noch sehr kleinen Brauerei Engelhardt. Durch Einführung der Pasteurisierung erreichte er, dass das Bier von Engelhardt länger haltbar war als das der Konkurrenz. Die Brauerei kam damit zu großem wirtschaftlichen Erfolg und war bald eine der bedeutendsten Deutschlands. Mit dem Gewinn erwarb Nacher weitere Brauereien, darunter die hochprofitable Malzbierbrauerei Groterjan.

Mit der Machtübernahme der Nazis kam das baldige Ende für Nacher. Schon 1933 begann unter Führung der Dresdener Bank, Nachers Hausbank, eine der brutalsten „Arisierungen“, die damit endete, dass Nacher 1939 unter Verlust fast seines gesamten Eigentums nach Zürich exiliert wurde. Die Groterjan-Brauerei ging schon 1941 zu großen Teilen in den Besitz der Familie Oetker über (heute Radeberger Gruppe).

Quellen:


Ehemalige Groterjan Brauerei
Prinzenallee 75–79, 13357 Berlin-Gesundbrunnen

Eintrag in der Berliner Denkmaldatenbank