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Artikel getaggt mit ‘Baudenkmal’

Opernhaus Leipzig

12. Oktober 2009 2 Kommentare

Oper Leipzig

Eine Perle der sozialistischen Baukultur der DDR steht in Leipzig am Augustusplatz: das Opernhaus, das von 1956 bis 1960 nach Plänen des Architekten Kunz Nierade als Ersatz für das im Krieg zerstörte Neue Theater erbaut wurde. Es ist der erste Theaterneubau, den die DDR errichten ließ, 44,6 Mio. DDR-Mark hat er gekostet. Es ist wohl auch der größte: Das Bühnenhaus misst immerhin 30 mal 23 Meter und der Saal bot ursprünglich mehr als 1600 Zuschauern Platz.

Neues Theater Leipzig um 1900
Neues Theater um 1900 (Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei)

Von den spätklassizistischen Formen des 1864-1868 nach Plänen von Carl Ferdinand Langhans errichteten Vorgängerbaus ließ sich Nierade offensichtlich inspirieren und hat dem Baukörper eine recht ähnliche Form gegeben. Die Fassadengestaltung mit hellem Pirnaer Sandstein, den großflächigen Fenstern mit goldfarben eloxierten Aluminiumrahmen und mit den recht wenigen Schmuckelementen ist aber ganz im Stil der Zeit gehalten. So zeigt das Opernhaus die gelungene Synthese zwischen klassizistischem Erbe und moderner Architektur. Ursprünglich hätte das Haus noch viel mehr Schmuck tragen sollen, wegen Rohstoffmangels ist es aber dazu nicht gekommen – glücklicherweise, muss man im Rückblick wahrscheinlich sagen.

Oper Leipzig
Garderobenhalle

Noch mehr zeigt das Haus von Innen seinen besonderen Baustil, den man ganz gut als sowjetisches Art Déco charakterisieren könnte. Die Wände, Pfeiler und Säulen im Eingangsbereich und der recht niedrigen Garderobenhalle sind teilweise mit handgefertigten weißen Fliesen aus Meißener Porzellan verkleidet.

Oper Leipzig
Treppe

Über aufwendig gestaltete Treppenhäuser gelangt man auf rotem Teppich schreitend vorbei an mit Blattgold ausgeschlagenen Wänden in das Parkettfoyer. Geländer und Handläufe sind ganz im typischen Stil der 1950er Jahre gehalten.

Oper Leipzig
Parkettfoyer in Birnbaumholz

Im Parkettfoyer sind die Wände großflächig mit rötlich schimmerndem Birnbaumholz verkleidet. Im Kontrast zur streng gehaltenen Vertäfelung steht die ornamental gestaltete Decke. Bemerkenswert sind hier auch die vereinzelt zu findenden Sitzmöbel, die ebenfalls ganz deutlich zeigen, aus welcher Zeit sie stammen.

Oper Leipzig
Decke im Parkettfoyer

Die Wände des Zuschauerraums sind ganz mit Riegelahorn mit seiner charakteristischen Maserung verkleidet, das der besseren Akustik wegen nicht flach sondern fächerartig angebracht ist. Besonders auffällig sind hier die halbrunden Logen – Intendantenloge und Staatsratloge – von denen aus man wohl einen Teil der Bühne nicht sieht, aber dafür selber gut gesehen werden kann.

Oper Leipzig
Blick vom Rang in den Zuschauerraum

Im ganzen Haus finden sich aufwendig gestaltete vielflammige Leuchter, es wird sicher ein massives und finanziell ruinöses Unterfangen, hier auf Energiesparlampen umrüsten zu wollen.

Oper Leipzig Oper Leipzig
Leuchter im Rangfoyer und im Zuschauerraum

Im Jahr 2007 wurde das Opernhaus mit einem Aufwand von 9,5 Millionen Euro umgebaut und in den Originalzustand von 1960 zurückversetzt. Durch eine großzügigere Bemessung der Beinfreiheit bietet das Theater heute nur noch etwas weniger als 1300 Zuschauern Platz.

Kunz Nierade, der Architekt des Opern, war übrigens auch Leiter des Architektenkollektivs, das die Pläne für die 1965/66 erfolgte grundlegende Erweiterung der Komischen Oper in Berlin lieferte, der die Hauptfront in der Behrenstraße die Neugestaltung ganz im sachlichen Stil der 1960er Jahre verdankt.


Oper Leipzig
Augustusplatz 12, 04109 Leipzig

0341 71680
oper-leipzig.de

Groterjan Brauerei

27. September 2009 3 Kommentare

Die Malzbierbrauerei Groterjan zog 1899 von der Schönhauser Allee in die Prinzenallee um. Sie war die größte Herstellerin von Malzbier in Berlin. 1929 wurden die Produktionsstätten um ein neues Verwaltungsgebäude und eine Flaschen-Abfüllanlage erweitert. Für beides lieferte der Architekt Bruno Buch die Pläne, der für eine ganze Reihe bemerkenswerter Industriebauten in Berlin verantwortlich zeichnete.

Groterjan-Brauerei

Die Gebäude zeichnen sich durch ihre klare, sachliche Form aus, die lediglich an der Straßenseite durch einige expressive Elemente aufgebrochen wird. Auffallend ist hier die starke Betonung der Horizontalen, die der Architekt durch die Verwendung von dunklen Ziegeln für das Erdgeschoss und für die Simse erreicht, die sich deutlich von den gelben Ziegeln der Obergeschosse abheben.

Auf der Hofseite treffen die stark horizontal geprägte Fassade der früheren Abfüllanlage mit der Vertikalen des Treppenhausturms aufeinander.

Groterjan-Brauerei

1961 übernahm Schultheiss (gemäß Luise) die Groterjan-Brauerei, die aber schon 1978 stillgelegt wurde. Bis auf die Flaschen-Abfüllanlage wurden die rückwärtigen Teile der Brauerei 1980 abgerissen, so dass heute nur noch die von Buch entworfenen Bauteile stehen, die unter Denkmalschutz stehen und heute von Industrie und Gewerbe genutzt werden. Unter der Ägide von Schultheiss wurde hier nicht nur Malzbier, sondern auch Groterjan Weiße hergestellt. Ein Relikt kann man im Felsenkeller bewundern.

Interessant ist wie bei so vielen deutschen Unternehmen die Geschichte des Eigentümerwechsels der Brauerei: Der jüdische Kaufmann Ignatz Nacher wurde 1901 Teilhaber der seinerzeit noch sehr kleinen Brauerei Engelhardt. Durch Einführung der Pasteurisierung erreichte er, dass das Bier von Engelhardt länger haltbar war als das der Konkurrenz. Die Brauerei kam damit zu großem wirtschaftlichen Erfolg und war bald eine der bedeutendsten Deutschlands. Mit dem Gewinn erwarb Nacher weitere Brauereien, darunter die hochprofitable Malzbierbrauerei Groterjan.

Mit der Machtübernahme der Nazis kam das baldige Ende für Nacher. Schon 1933 begann unter Führung der Dresdener Bank, Nachers Hausbank, eine der brutalsten „Arisierungen“, die damit endete, dass Nacher 1939 unter Verlust fast seines gesamten Eigentums nach Zürich exiliert wurde. Die Groterjan-Brauerei ging schon 1941 zu großen Teilen in den Besitz der Familie Oetker über (heute Radeberger Gruppe).

Quellen:


Ehemalige Groterjan Brauerei
Prinzenallee 75–79, 13357 Berlin-Gesundbrunnen

Eintrag in der Berliner Denkmaldatenbank

Osmanya Restaurant

16. September 2009 13 Kommentare

Perleberger Straße / Birkenstraߟe / Havelberger Straße

Ganz früher war hier mal das berühmt-berüchtigte Memory I, ein 24 Stunden geöffnetes Musik-Café, das auch morgens um drei noch gut besucht war. Dann zog das Memory aus und ein paar Jahre später wurde das aus gelben und roten Ziegeln gebaute Eckhaus aufwendig restauriert, so dass es heute wieder ein wahres Schmuckstück an der Perleberger Straße ist. Es gehört zu den älteren Häusern in Moabit und wurde bereits 1875 fertiggestellt, sehr wahrscheinlich ist es ein Entwurf des Architekten Johannes Otzen (der – oh wie wundersam – auch der Architekt der Hauptkirche meiner Heimatstadt ist).

1077-Ehemaliges Memory

Vor vielen Jahren begannen dann die Renovierungsarbeiten in den ehemaligen Räumen des Memory. Mit einer unglaublichen Langsamkeit zogen sie sich durch die Jahre hin, machmal schien monatelang gar keine Veränderung stattzufinden. Seit ungefähr zwei Jahren konnte man dann miterleben, wie die Räume nach und nach eine immer deutlicher werdende orientalische Anmutung bekamen: erst ein paar Spitzbögen und Pfeiler mit besonderen Kapitellen , dann die Arabesken an den Wänden, die goldenen Verzierungen auf dem Boden, schließlich hingen auf einmal die üppigen Kronleuchter an der Decke und irgendwann standen dann auch Tische und Stühle darin. Die ganze Einrichtung ist mit sehr viel Sorgfalt und Liebe zum Detail hergestellt.

Dass der Laden jemals eröffnet werden würde, wollte man gar nicht mehr glauben. Und doch waren heute die Räume zum ersten Mal erleuchtet und auf bis auf den letzten Platz besetzt. Eine geschlossene Gesellschaft feierte.

Osmanya

Ob es nun lediglich ein besonders prachtvoller Ort für Veranstaltungen oder ein regelmäßig geöffnetes Restaurant sein wird, ist noch nicht erkennbar. Den einschlägigen Verzeichnissen im Internet kann man jedoch schon entnehmen, dass es ein Restaurant mit türkisch-anatolischer Küche werden wird (exklusives Ambiente – Ottoman Cuisine). Eine Homepage hat das Restaurant auch schon.

Osmanya

Seit Ende September ist das Restaurant nun eröffnet, die Speisekarte sieht recht interessant aus, allerdings entsprechen die Preise auch dem hohen Anspruch, den das Restaurant auf seiner Homepage erhebt. Vorspeisen kosten zwischen 5 und 10 Euro, Hauptgerichte zwischen 15 und 25 Euro. Luxus im Herzen von Moabit, ich bin gespannt auf die weitere Entwicklung.

Ebenso werde ich wohl noch herausfinden werden müssen, ob sich das Osmanya nach dem Schriftsystem für die Somalische Sprache benannt hat. Wahrscheinlich kommt mir das zwar nicht vor, aber man weiß ja nie.


Osmanya Restaurant
Birkenstraße 17/Perleberger Straße 31, 10559 Berlin

030 48829999
www.osmanya.de
Eintrag in der Berliner Denkmalliste

Kindl-Brauerei auf dem Rollberg

13. September 2009 8 Kommentare

Kindl-Brauerei

Bis zum Ende des letzten Jahrhunderts wurde hier noch Bier gebraut, dann wurde die Brauerei stillgelegt, die 1872 als Vereinsbrauerei der Berliner Gastwirte auf dem Rixdorfer Rollberg gegründet worden war. Anfänglich produzierte man hier das in Berlin übliche obergärige Weißbier, um dann um 1890 die Produktion untergärigen Lagerbiers aufzunehmen, das in Anlehnung an die Münchner Brauart den Namen Berliner Kindl erhielt.

Das Sudhaus der Brauerei mit seinem hohen Turm wurde 1926-1930 nach Plänen der Architekten Hans Claus und Richard Schepke ganz im Stil des Expressionismus in dunkelrotem Ziegelstein errichtet. Im zweiten Weltkrieg wurde es bei Luftangriffen stark beschädigt, die technischen Hauptausrüstungen wurden demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht.

Kindl-Brauerei

Anfang der 1950er Jahre erfolgte der Neuaufbau ganz im Stil der damaligen Zeit, wobei die äußere, expressionistische Form erhalten blieb. Hier, im Schmuckstück der Brauerei, befinden sich die einst größten Sudpfannen Europas, sechs an der Zahl. Gewaltig stehen die riesigen Kupferkessel, die leider seit der Stilllegung nicht mehr blank geputzt werden, in der großen Halle mit der wunderbaren Anmutung der Architektur der 50er Jahre.

Kindl-Brauerei

Anlässlich des Tages des offenen Denkmals konnte man die ansonsten geschlossene Brauerei besichtigen, die der Dr. Henke Projektgesellschaft (HEAG) gehört. Die Führung leitete Daniel Markovics von Verein Berliner Unterwelten, der bei Kindl einst Mälzer und Brauer gelernt und bis zur Schließung hier gearbeitet hat.

Kindl-Brauerei

Unter der Oberfläche geht es in vier Etagen bis zu 22 Meter in die Tiefe, unter dem Gärkeller liegen die früheren Lagerkeller, die ihrer Tanks beraubt sind und heute ungenutzt einer ungewissen Zukunft entgegen sehen.

In der ehemaligen Halle für die Abfüllung in Fass und Flasche ist heute eine Kartbahn untergebracht. Gleich nebenan eine Halle für Paintball, diese mir eigenartig vorkommende Art der Freizeitbeschäftigung.

Kindl-Brauerei Kindl-Brauerei

Ein junger Braumeister baut gerade in der Kelleretage des Sudhauses, unter den alten Sudpfannen, eine neue, kleine Brauerei. Gegen Ende Oktober will er fertig sein, dann gibt es auf dem Rollberg wieder Bier. Ich bin gespannt!


Ehemalige Kindl-Brauerei
Werbellinstraße 50, 12053 Berlin

www.berliner-unterwelten.de

Wohnanlage Ollenhauerstraße

4. Juni 2009 5 Kommentare

Wohnanlage Ollenhauerstraߟe

Die 1927 bis 1928 errichtete Wohnanlage zwischen Ollenhauer-, Pfahler-, Kienhorst- und Waldowstraße ist ein typisches Beispiel für das Schaffen des Architekten Erwin Gutkind. Die gesamte Anlage ist noch weitgehend authentisch erhalten und wurde 2003 sorgfältig restauriert.

Die Blockrandbebauung umschließt einen den Mietern vorbehaltenen Innenhof, in dessen Schutz Gutkind — ebenso wie im Sonnenhof — eine Kindertagesstätte anlegte. An den langen Seiten der Wohnanlage, die sich die Pfahler- und Kienhorststraße entlang ziehen, ist der Baukörper in der Tiefe gestaffelt, derweil die schmalere „Rückseite“ an der Waldowstraße eine gerade Front aufweist.

Wohnanlage Ollenhauerstraße Wohnanlage Ollenhauerstraߟe

An der „Vorderseite” zur Ollenhauerstraße, der Hauptstraße des Quartiers, sind Läden untergebracht. Den öffentlichen Charakter dieses Bereichs unterstreicht Gutkind, indem er diesen Bauteil gleichsam als offenen Hof gestaltet hat. Die Stirnseiten der Flügelbauten zu beiden Seiten sind transparent gestaltete Wintergärten mit filigraner Verglasung.

Wohnanlage Ollenhauerstraߟe Wohnanlage Ollenhauerstraße

Überhaupt ist verblüffend, welchen Wert der Architekt auf die gestaltende Wirkung der Fenster gelegt hat: mehr als zwanzig unterschiedliche Fenstertypen lassen sich entdecken. Allen gemeinsam ist, dass sie durch Sprossen in viele Einzelscheiben unterteilt sind.

Charakteristisch für Gutkinds Bauten ist die auch Gestaltung der Fassaden mit umlaufenden Bändern aus weißen Putzflächen und roten Klinkerbändern. Ebenso typisch ist die markante Gestaltung der Gebäudeecken und die Strukturierung und Dynamisierung der Fassaden durch das Einfügen und Ausschneiden von Kuben und Quadern.

Wohnanlage Ollenhauerstraߟe Wohnanlage Ollenhauerstraߟe


Ollenhauerstraße 48,13403 Berlin


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Siedlung „Neu Jerusalem“

19. Mai 2009 12 Kommentare

Ein Kleinod, an dem man achtlos vorbeifährt, liegt in Staaken beidseits der Heerstraße. Ein Kleinod freilich, das recht verwahrlost ist, und schon deswegen nicht wahrgenommen wird.

Von 1923 bis 1925 wurden hier für Angehörige der Fliegerakademie des Staakener Luftschiffhafens 21 Doppelhäuser nach den Plänen des Architekten Erwin Anton Gutkind erbaut. Die Siedlung ist ganz im Stil der neuen Sachlichkeit gehalten und steht damit in scharfem Kontrast zur eher idyllischen Anmutung der nahe liegenden Staakener Gartenstadt mit ihren krummen Gassen und Giebelhäusern, die Paul Schmitthenner noch nicht einmal zehn Jahre zuvor projektiert hatte. Ebenso wie in der Gartenstadt verfügt auch in Gutkinds Siedlung jedes Haus über einen eigenen Garten, der zur Selbstversorgung der Bewohner beitragen sollte. Die Planung der Gärten übernahm mit Leberecht Migge einer der bedeutendsten Gartenbauarchitekten des Neuen Bauens mit großem sozialreformerischen Anliegen.

Neu Jerusalem Straßenseite
Ursprünglicher Zustand, Ansicht von der Straßenseite

Gutkinds Häuser sind strenge Kuben mit geometrischer Staffelung des Baukörpers, im Erdgeschoss weiß verputzt, und ursprünglich oben mit roten Klinkern verkleidet — ein spannender Materialmix, der sich an vielen seiner Bauten, wie den Wohnanlagen „Am Eschengraben“ und „Sonnenhof“, wiederfindet.

Für die Bewohner waren diese Architektur wohl zu avantgardistisch, denn schon Ende der 20er Jahre begannen sie damit, die Klinkerverblendung des Obergeschosses abzuschlagen und durch weißen Putz zu ersetzen. Im Volksmund erhielt die Siedlung bald den Namen „Neu Jerusalem“, weil ihre weißen Fassaden mit den Flachdächern an die Stuttgarter Weißenhofsiedlung erinnerten, die Gegner des Neuen Bauens als „Araberdorf“ oder „Vorort von Jerusalem“ verspotteten.

Siedlung Neu Jerusalem

Die Häuser der denkmalgeschützten Siedlung lagen bis zum Mauerfall auf dem Gebiet der DDR und sind danach in das Eigentum des Bezirks Spandau gelangt. Vierzig Jahre Mangelwirtschaft in der DDR und zwanzig Jahre Armut der öffentlichen Hand in Berlin haben ihre Spuren hinterlassen: die Bauten sind in einem traurigen Zustand und scheinen dem Verfall preisgegeben. 2008 hat sie der Berliner Liegenschaftsfond als Renditeobjekt an den Investor NCE Northern Cross Estate GmbH verkaufen können. Sie sollen in den nächsten Jahren vom Potsdamer Architekturbüro 3PO saniert und rekonstruiert werden (dort sind auch einige Bilder zu finden, die zeigen, wie die Häuser wieder aussehen sollen).

Siedlung Neu Jerusalem

Die heutigen Mieter, die in den maroden Häusern für relativ geringe Mieten wohnen, befürchten jetzt, wie der Berliner Mieterverein berichtete, dass sie nach einer Luxusmodernisierung nicht mehr in der Lage sein werden, die dann sehr wahrscheinlich viel höheren Mieten zu bezahlen. Einige haben, wie ein Anwohner erzählt, schon freiwillig das Feld geräumt, um den Umbaumaßnahmen zu entgehen.

Neu Jerusalem Gartenseite
Ursprünglicher Zustand: Ansicht von der Gartenseite


Zwischen Heerstraße und Nennhauser Damm, 13591 Berlin

Eintrag bei archinform.net
Artikel in der Märkischen Allgemeinen

Teufelsbrücke in Eberswalde

20. Juli 2008 Kommentieren

Teufelsbrücke

Brücken haben ja in der Regel ein sehr ruhiges Leben, viel kommen sie nicht rum. Einmal gebaut, tun sie Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte treu ihren Dienst, immer an einem Ort. Nicht so die Teufelsbrücke, die hat schon was von der Welt gesehen. Ihre Wanderbrückenkarriere begann sie 1826 in Berlin als Weidendammer Brücke, wo sie die Friedrichstraße über die Spree brachte. Obwohl – eigentlich war sie schon davor unterwegs, denn sie kam aus England, wo sie 1820 entworfen und hergestellt worden sein soll, nach Berlin.

1880 wurde sie zwar um seitliche Fußwege ergänzt, aber schon bald war sie nicht mehr breit genug, um dem zunehmenden Berliner Verkehr zu genügen. Also wurde die Brücke 1895 kurzerhand demontiert und – um 13 Meter gekürzt – in Liepe wieder aufgebaut, wo sie den Finowkanal überspannte.

Brücke in LiepeBrücke in Liepe (Quelle: http://www.oberbarnimer.de)

Aber auch dort ist sie, warum auch immer, nicht so arg lang geblieben. Im Jahr 1913 ging sie wieder auf Wanderschaft und wurde, erneut um ein paar Meter gekürzt, in Finow-Heegermühle über der Ausfahrt des Messingwerkhafens montiert. Der Treidelweg führte über sie, weswegen sie auch als Treidelpfadbrücke bezeichnet wird.

Brücke um 1920 nach dem Umzug zum Messingwerkhafen (Quelle: http://www.oberbarnimer.de/)
Brücke um 1920 nach dem Umzug zum Messingwerkhafen (Quelle: http://www.oberbarnimer.de)

Getreidelt wird schon lange nicht mehr, aber die Brücke steht hier heute noch, trotz Denkmalschutz in einem traurigen Zustand.

Bei ihrer Fertigstellung 1826 war die Brücke eine der ersten gusseisernen Brücken in Mitteleuropa. Freiherr von Zedlitz beschrieb sie in seinem 1834 erschienenen Neuesten Conversations-Handbuch für Berlin und Potsdam zum täglichen Gebrauch der Einheimischen und Fremden aller Stände: »Jetzt ist diese Brücke insofern die erste und einzige ihrer Art in der Welt, als bei ihr nämlich anstatt der bisher allein üblich gewesenen massiven Pfeiler, gegen welche die Bogen gespannt werden müssen, zuerst der Versuch gemacht ist, mit freistehenden eisernen Pfeilern, welche die ebenfalls eisernen Bogen tragen, so daß, an dieser Brücke, ausgenommen den hölzernen Pfahlrost im Grunde, die hölzernen Zugklappen, [...] alles durchaus von Eisen ist.«

Teufelsbrücke
Heutiger Zustand der Brücke

Der mittlere, auf eben diesen besonderen gusseisernen Säulen gebettete Brückenteil war herausnehmbar, um größeren Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. Das ist sicher schon lange nicht mehr passiert, erst recht nicht an ihrem jetzigen Standort, denn außer den Booten des lokalen Rudervereins fährt kaum noch jemand in den Hafen ein. Von ihren ursprünglich fünf Jochen hat die Brücke nur noch drei behalten und ist gerade mal noch 23 Meter lang und etwas über zwei Meter breit.

Eine ganz besondere Bedeutung hatte die Weidendammer Brücke für Theodor Fontane: Auf ihr verlobte er sich am 8. Dezember 1840 mit Emilie Rouanet-Kummer.


Nähe Altenhofer Straße, Finow, 16227 Eberswalde

Gleichrichterwerk

10. März 2008 Kommentieren

Machnower Straße 83, Zehlendorf, 14165 Berlin
tinyurl.com/yrxblr

gleichrichterwerk1

Unter dem Titel »Kurios, was man in Berlin gerade alles kaufen kann« schrieb der Berliner Kurier am 14. Mai 2003:

Auch im Angebot: ein kleines Gleichrichterwerk in der Machnower Straße (Zehlendorf), ein expressionistischer Backsteinbau aus den 20er Jahren. Er wurde in den 60er Jahren stillgelegt, als die letzte Straßenbahn in Berlin aufs Abstellgleis fuhr. Für 750 000 Euro kann er Ihnen gehören.

Nun hat jemand das schöne Gebäude gekauft und wandelt es mit viel Liebe in ein Wohnhaus um. Ob er den im Kurier erwähnten Preis von 750 000 € tatsächlich dafür hingeblättert hat, habe ich nicht gefragt, als ich die Fotos gemacht habe.

Gebaut wurde es 1928-1929 von den Berliner Städtischen Elektrizitätswerken, um den von den Abspannwerken gelieferten Drehstrom in Gleichstrom umzuwandeln, so wie ihn die Straßenbahn benötigte. Sein Architekt war Hans Heinrich Müller, der etliche andere architektonisch und ästhetisch herausragende Gebäude für die Elektrizitätswirtschaft entworfen hat, als Berlin die »Elektropolis« war.

gleichrichterwerk2

Es ist immer wieder verblüffend, wieviel Mühe sich die Erbauer reiner Zweckbauten früher gegeben haben, diese Gebäude ansprechend zu gestalten. Das Haus ist vollkommen klinkerverblendet. Die Fassade wird ganz regelmäßig durch spitzwinklige Vorsprünge gegliedert, die ganz der Formensprache der expressionistischen Architektur folgen. Diese vier turmartigen Vorsprünge, durch die früher die Belüftung der Transformatoren erfolgte, verleihen dem Gebäude fast den Ausdruck einer mittelalterlichen Burganlage. Die drei großen Tore an der Frontseite machen jetzt – gemäß der neuen Zweckbestimmung – großen Fenstern Platz und auch im Obergeschoss wurden Fenster in die ehemals durchgängig geschlossenen Wände eingesetzt.

Wohnstadt „Carl Legien“

24. Februar 2008 Kommentieren

legien1_gallery

Dort wo die Wohnsituation durch dicht gedrängte Mietskasernen und dunkle Hinterhöfe geprägt war, konzipierte der Architekt Bruno Taut diese in den Jahren 1929 und 1930 für die GEHAG gebaute Wohnsiedlung, die mit ihren riesigen Innenhöfen Licht und Luft in die Wohnungen brachte. Wo sonst die Fassade zur Straße die Zuckerseite eines Hauses darstellt, zeigen Tauts Wohnblöcke zur Straße hin extreme Schlichtheit und konzentrieren sich ganz auf Rückseite, die begrünten Innenhöfe, zu denen sich die großen Balkone und Loggien der Wohnungen öffnen.

Taut konnte hier nicht – wie in seinen anderen, eher am Stadtrand gelegenen Siedlungen – eine aufgelockerte Bebauung mit kleineren Häusern entwickeln, sondern musste wegen der hohen Grundstückpreise viel dichter bauen. Mit dem Entwurf einer vier- bis fünfstöckigen Großstadtsiedlung hat er gezeigt, dass das »Neue Bauen« dem verrufenen Mietskasernenbau bei vergleichbarer Verdichtung durchaus Besseres entgegenzusetzen hatte.

Wie immer bei Tauts Bauten zeigen die Häuser innen und außen eine deutliche Farbigkeit, die auch hier den Gebäuden einen fröhlichen und belebten Anstrich gibt.

legien2_gallery

Benannt wurde diese Siedlung im proletarischen Berlin übrigens ganz passend nach Carl Legien, dem ersten Vorsitzenden des 1919 gegründeten Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes.


Erich-Weinert-Straße, Prenzlauer Berg, 10409 Berlin
www.stadtentwicklung.berlin.de

Kriminalgericht Moabit

4. Januar 2008 2 Kommentare

Mehr als hundert Jahre wird in diesem sicherlich bekanntesten deutschen Gericht, das den Namen des Stadtteils Moabit in ganz Deutschland bekannt gemacht hat, schon Recht gesprochen. Kaiser Wilhelm II. ließ am 17. April 1906 die Eröffnung seines neuen Justizpalasts feiern.

Kriminalgericht

Eine Demonstration der Macht ist die gewaltige Eingangshalle, mit 29 Metern höher als das Brandenburger Tor, mit riesigen Treppen, bevölkert von einem Reigen allegorischer Frauenfiguren in Sandstein: Gerechtigkeit und Religion, Streitsucht und Friedfertigkeit, Lüge und Wahrheit stehen sich gegenüber.

Kriminalgericht Kriminalgericht

Entworfen haben das riesige Gebäude der Architekt Rudolf Mönnich, Baumeister etlicher Gerichte, und der Königliche Baurat Carl Vohl. Sie haben hier neue Ideen umgesetzt, indem sie die Wege für das Publikum von denen der Angeklagten trennte: über ein verzweigtes System unterirdischer Gänge und eigener Treppen bringen die Wachtmeister die Angeklagten direkt vom Untersuchungsgefängnis auf die Anklagebank.

Ein Jahr nach dem 100. Geburtstag wurde das Kriminalgericht nun schön herausgeputzt. Die düstere grau-schwarze Patina von etlichen Jahrzehnten der Umweltverschmutzung wurde entfernt, und die warmen Gelbtöne des Sandsteins können wieder strahlen. So wirkt die monumentale Architektur des Gebäudes mit seinen 60 Meter hohen Türmen und den rund 200 Metern Fassade allein zur Turmstraße fast freundlich, wenn die Sonne auf es scheint.

Kriminalgericht Moabit

Es ist, liest und hört man, mit 16.000 Quadratmetern Grundfläche das größte Gerichtsgebäude Europas. Sicher ist, dass es die größte Staatsanwaltschaft Deutschlands beherbergt und auch das größte Amtsgericht der Republik. Die größte Asservatenkammer Deutschlands findet sich ebenso wie ein Archiv mit vier Millionen Akten unter dem Dach des Gebäudes. Mehr als 1.500 Menschen arbeiten hier und um die 300 Gerichtsverhandlungen finden jeden Tag hier statt.

Es ist eine wahre Justizfabrik, eine Kathedrale des Rechts, ein Moloch, in dessen unendlichen Gängen, Treppen und Gebäudeteilen aus verschiedenen Epochen man sich – auch durch die nicht nachvollziehbare Systematik der Raumnummerierung – leicht verlaufen kann. So wird berichtet, dass einem Zeugen, der sich im Gebäude verirrt hatte und nach mehreren Kilometern Fußmarsch den Verhandlungssaal um mehr als eine halbe Stunde zu spät erreichte, ein saftiges Ordnungsgeld verpasst wurde.

Kriminalgericht

Die Geschichte des Kriminalgerichts spiegelt die gesellschaftliche Entwicklung wider: viele berühmte Prozesse fanden hier statt, so bereits 1906 gegen Wilhelm Voigt alias »Hauptmann von Köpenick«, die Bankräuber Gebrüder Sass aus der Moabiter Birkenstraße, den Schiedsrichter Hoyzer, den Kaufhauserpresser Arno Funke alias Dagobert, Fritz Teufel (»Wenn’s der Wahrheitsfindung dient«), Horst Mahler, Mitglieder der RAF, gegen die Mauerschützen und gegen Erich Honecker und Erich Mielke in Sachen »Regierungskriminalität« der DDR. Während der Nazidiktatur war das Gericht gleichgeschaltet, bewies 1997 andererseits aber im Mykonos-Prozess seine Unabhängigkeit von den politischen Machthabern.


Turmstraße 91, Moabit, 10559 Berlin
+49 30 9014-0
www.berlin.de
Öffnungszeiten: Mo, Di, Do 8.30-15h, Mi, Fr 8.30-13h