Schultheiss-Brauerei in Moabit

Eigentlich müsste dem Titel dieses Beitrags ein mehrfaches „ehemalig” vorangehen, denn die Brauerei ist schon seit 1980 keine mehr und Schultheiss hat als eigenständiges Unternehmen ausgedient. Heute ist es nur noch eine Marke, die Herr Oetker mit seiner Radeberger-Gruppe gelegentlich wiedererweckt, um uns Vielfalt vorzugaukeln.

Aber das große, aus Hunderttausenden gelber Ziegel schon ab 1872 nach Plänen von Friedrich Koch errichtete Gebäude, das sich die Stromstraße entlangzieht, steht noch. Es beherbergt das Sudhaus und im nördlichen Teil die Kellereien der damaligen Actien-Brauerei-Gesellschaft Moabit. Mit seinem burgartigen Äußeren, den Türmchen und Zinnen, prägt es wie kaum ein anderes das Moabiter Stadtbild, auch wenn es durch die jahrzehntelange Verwahrlosung trotz Denkmalschutz arg gelitten hat und von den hier Ansässigen wohl kaum noch wahrgenommen wird.

Bereits 2006 erwarb ein Investor, die HLG aus Münster, das Schultheiss-Gelände und möchte hier unter Einbeziehung des denkmalgeschützen Bestands ein Einkaufszentrum bauen. 2007 stand sogar schon ein Bauschild an der Ecke zur Turmstraße und es war die Rede von einem Baubeginn 2008 und einer Fertigstellung 2010 (so ist es auch im Archiv des Tagesspiegels nachzulesen). Daraus ist aus verschiedenen Gründen nichts geworden, bis heute (24.5.2011) wurde nichts gebaut und das Projekt steckt immer noch in der Phase der Genehmigung des Bebauungsplans.

Inzwischen wurde mit Kahlfeldt-Architekten ein anderes Architektenbüro beauftragt, das die Auflagen des Denkmalschutzes wohl besser erfüllen konnte. Kahlfeldt-Architekten haben etliche der von mir so geliebten Bauten von Hans Heinrich Müller (zum Beispiel Humboldt-Umspannwerk, Umspannwerk Scharnhorst, Gleichrichterwerk Zehlendorf) umgebaut und einer neuen Nutzung zugeführt, so dass ich überzeugt bin, dass hier »die Richtigen« die Planung machen.

Gleichwohl gab und gibt es natürlich auch an dieser Planung Kritik: mit 20.000 qm zu große Verkaufsfläche, zu viele Parkplätze im zu großen Parkhaus an der Perleberger Straße, kein Zugang zum Einkaufsparadies aus dem Norden, zu geringes Angebot an Flächen für Kultur, zu dichtes Heranrücken an die bestehenden Wohnhäuser der Lübecker Straße, usw. Einige der Kritikpunkte, die auf einer ersten öffentlichen Präsentation der Pläne von Anwohnern vorgetragen wurden, haben die Architekten, wie gestern (23. Mai 2011) auf einer zweiten öffentlichen Veranstaltung zu erfahren war, berücksichtigt: So wurde das Parkhaus im Volumen und in der Höhe reduziert und rückte von den Häusern der Lübecker Straße ab, wodurch einerseits die Verschattung der angrenzenden Hinterhöfe deutlich verringert wird, und andererseits eine Durchwegung geschaffen wird, die das EKZ auch von Norden für Fußgänger erreichbar macht. Damit scheinen mir die Planer schon mal auf dem richtigen Weg zu sein.


Planung Baukörper Stand Mai 2011

Aber auch diese Änderungen sind nicht allen Betroffenen ausreichend, denn trotz des Abrückens werden die für Neubauten geforderten Mindesabstandsflächen nicht durchgängig eingehalten. Eine Anwohnerin hat anhand eines selbst gebauten Modells sehr anschaulich dargestellt, wie der Ausblick aus ihrem Fenster im zweiten Stock heute aussieht und wie er aussähe, wenn das Parkhaus gemäß der heutigen Planung gebaut würde.


Ausblick heute und nach dem Bau des geplanten Parkhauses

Die Beeinträchtigung des Ausblicks wurde damit zwar recht drastisch dargestellt, aber es stellt sich die Frage, ob es einen Rechtsanspruch darauf gibt, dass ein Ausblick nicht durch Neubauten verstellt wird. Eine weitere Frage ist, ob die Beeinträchtigung des Ausblicks durch das weitere Abrücken des Neubaus um weitere 1,30 Meter geringer ausfiele (womit die Forderung nach den einzuhaltenden Mindestabstandsflächen erfüllt würde). Eine Verbesserung gegenüber dem Status quo ist die überarbeitete Planung für die Betroffenen sicher nicht, aber eine Verbesserung gegenüber der ersten Planung ist deutlich zu erkennen. Hier wird wohl noch einige Arbeit erforderlich sein, um zu einem für alle Beteiligten und Betroffenen annehmbaren Kompromiss zu gelangen.

12 Gedanken zu “Schultheiss-Brauerei in Moabit

  1. HLG scheint wohl eine ähnlich fürchterliche Heuschrecke zu sein wie ECE. Es ist nicht zu fassen, wie viele Stadtverwaltungen diesen Investoren immern noch auf den Leim gehen. Celle, Saarbrücken, Koblenz,Hannover,Essen, Stuttgart undsoweiterundsofort. Und überall die gleichen gesichtslosen Einkaufspaläste, die dem Einzelhandel in den Innenstädten die Luft zum Atmen abschnüren.

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    • Bei den beauftragten Architekten habe ich eher nicht die Befürchtung, dass die äußere Architektur gesichtlos wird. Bei den „inneren Werten“ des EKZ befürchte ich jedoch, dass sich dort die Läden tummeln werden, die auch in allen anderen EKZ zu finden sind. Andererseits begrüße ich es, dass es dann wieder möglich sein wird, Socken, Hosen, Unterhemden und anderes kaufen zu können, ohne die „Moabiter Insel“ verlassen zu müssen.

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      • Ehrlich gesagt, ist es mir ganz recht, wenn im neuen Zentrum eher die „üblichen“ Läden vertreten sind. Die brauchen wir auch. Außderm bleibt dann denug Luft für das „Besondere“ in der Markthalle etc.
        Die Ladestraße mit Gastronomie und Kleingewerbe könnte durchaus etwas Spannendes werden.

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  2. Sehe ich ähnlich. Läßt sich da wirklich keine bessere Nutzung für so ein Gebäude finden? Es ähnelt unserem WUK (Kulturzentrum mit allen möglichen Ateliers, Werkstätten, Schulen, kindergärten usw.) vom Aussehen her ein wenig. Man sieht (und fühlt) das Ambiente des WUK ganz gut in der Videoreihe von Daniel Kahn, z.b.:

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  3. als Gegenbeispiel zu den Plänen der HLG hier die gelungene Nachnutzung der alten Baumwollspinnerei in Leipzig durch die MIB AG. Warum hat die eigentlich das alte Hertie-Gebäude gekauft, für das Schulheissgelände wäre eine solche Entwicklung viel besser.
    http://www.spinnerei.de/from-cotton-to-culture.html?lang=0
    Und sie scheinen da wirklich engagiert zu sein, wie dieser Bericht zeigt:
    http://www.spinnerei.de/from-cotton-to-culture-2.html

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  4. Hinterhofumbauten tun weh; man ist doch sehr an seinen Ausblick aus dem Küchenfenster gewöhnt. (Mal abgesehen davon, daß die armen Anwohner damit Staub, Lärm und andere Ungemach abonniert haben.) Ich hoffe sehr, daß sich zumindest hinterher etwas Vernünftiges draus entwickelt und nicht der übliche Einheitsbrei.

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  5. Von der Actien-Brauerei-Gesellschaft Moabit, die in diesem Gebäude das erste Bier braute, habe ich eine komplette Original-Flasche.

    Ich suche noch die dazu passende Aktie zu Dekozwecken. Wer eine hat, mal hier melden.

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