Villa Louis Hagen in Potsdam

Am Ufer des Jungfernsees, direkt neben der von Ludwig Persius erbauten Meierei im Neuen Garten (wo übrigens seit 2003 eine kleine Privatbrauerei tätig ist), steht ein auffälliges, aber recht verwahrlost wirkendes Gebäude, dessen kubische Architektur an die Klassische Moderne der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts denken lässt.

Von Kubus Immobilien

Villa Hagen um 1930 (Bild von Kubus Immobilien)

Dabei liegt man nicht falsch, denn das Ensemble wurde in den Jahren 1927 und 1928 durch den Architekten Otto Block zu einer Villa im Bauhausstil umgebaut und erweitert. Auftraggeber war der Bankier Louis Hagen, der den Vorgängerbau bereits 1919 erworben hatte – damals eine Art Märchenschloss, das wiederum aus einem im Stil eines norwegischen Blockhauses errichteten Gebäude entstanden war.

Man lebte hier durchaus großbürgerlich luxuriös, denn das Anwesen verfügte neben etlichen repräsentativen Räumen über eine gläserne Aussichtsturm, eine Tiefgarage für 14 Autos, die mit einem Aufzug auf Straßenniveau befördert wurden, einen Bootsschuppen mit Elektroboot, eine Turnhalle mit Flachdach aus Glasbausteinen und sogar ein eigenes Kino. Hagen trat aber auch als Mäzen auf, der in Kreisen avantgardistischer Künstler verkehrte. So unterstütze er Lotte Reiniger, die ab 1923 in der Gartenhaus-Garage der Villa mit Die Abenteuer des Prinzen Achmed einen der ersten abendfüllenden Animationsfilme erstellte. Louis Hagen trat bei späteren Filmen von Lotte Reiniger, die sie für das englische und amerikanische Fernsehen drehte, als Produzent auf.

Zu DDR-Zeiten war das Gebäude Sitz des VEB Informationsverarbeitung Potsdam, der hier von 1969 bis 1990 ein Rechenzentrum betrieb. Dieser Zeit widmet sich eine private betriebene Website, auf der Filmaufnahmen des Gebäudes zur DDR-Zeit zu finden sind. Für an Geschichte der Informatik Interessierte bietet die Seite drüber hinaus interessante Einblicke in die Rechentechnik der ESER-Serie, die hier mit einer EC 1036 bis 1990 betrieben wurde. Mit dem Ende der DDR wurde auch der VEB gewendet und wurde zur MIDAT GmbH, die 1992 ihren Betrieb einstellte. Seitdem steht das Gebäude leer und verfällt zusehends.


Villa Hagen im August 2011

2007 schließlich erwarb der Oldenburger Bauunternehmer Dirk Onnen das Anwesen, mit der Absicht, die Villa Hagen zu neuem Leben zu erwecken. Bis Ende 2009 sollte sie mit einem Einsatz von 3,5 Millionen € saniert werden, und mehrere Eigentumswohnungen für gut Betuchte sollten entstehen (siehe Artikel in den PNN). Aus diesen Plänen ist nichts geworden und Onnen verkaufte die Villa zwei Jahre später an Lars Dittrich, den Gründer der Handyshop-Kette dug, der durch den Verkauf seines Unternehmens an die Debitel AG über reichliche Geldreserven verfügt.

2009 stellte der neue Eigentümer gleich einen Abrissantrag, den die Stadt Potsdam genehmigte. Die Schäden, die das Gebäude durch den jahrelangen Leerstand erlitten habe, machten eine Sanierung wirtschaftlich nicht mehr möglich, so die Stadt. Die Holzteile und das Mauerwerk seien vom echten Hausschwamm befallen, und die Stahlskelettkonstruktion sei verrostet und geschwächt, was durch entsprechende Gutachten bestätigt würde (siehe Artikel in den PNN). Der Denkmalschutz bezöge sich darüber hinaus nur auf die äußere Hülle. Daran knüpft auch Dittrich an, der versprach, zwar einen Neubau zu errichten, aber viele Elemente des Vorgängerbaus übernehmen wolle, so dass sein Vorhaben einer „gefühlten Sanierung“ gleich komme.


In der Mitte erkennt man noch den Ansatz des früheren Aussichtsturms

Seit Anfang 2011 steht nun fest, dass Dittrich das Berliner Architekturbüro Pott Architekten mit dem Neubau beauftragt hat (siehe Artikel in der MAZ). Der Gestaltungsrat der Landeshauptstadt Potsdam war jedenfalls begeistert, als der Architekt Jan Przerwa die Pläne vorstellte: „Der Körper des Hauses wird wie aus einem Steinblock gehauen“, aber sein Büro werde „radikal zeitgenössisch bauen“. Man darf gespannt sein.


Villa Louis Hagen
Bertinistraße 23, 10 Potsdam

8 Gedanken zu “Villa Louis Hagen in Potsdam

  1. Nichts wie weg mit der ollen Garage! Ist doch wahr! Am besten bauen sie gleich das Märchenschloss wieder hin. Und wenn es keine Pläne mehr davon gibt, auch egal. Wir kriegen das mit dem Berliner Schloss schließlich auch hin. Reicht ja, wenn es so ähnlich wird.

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  2. Viel geschrieben und nichts geschehen. Das Haus ist ein Schandfleck für Potsdam. Heute haben wir den 14.10.2014 mal sehen wie das in einem Jahr aussieht.

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  3. Tatsächlich wünsche ich mir, das Menschen kommen, die einerseits die einzigartige Lage des Objekts erkennen und eine Vollrekonstruktion des Hauses angehen, sodass der malerische Blick, z.B. vom Aussichtspunkt im Glienicker Schloßpark um eine Schönheit reicher wird!
    Die Teilrekonstruktionen in der Bertinistrasse der Villa Jacobs ist aus meiner Sicht nicht unbedingt gelungen. Es fehlt viel Stuckatur im äußeren Erscheinungsbild und damit die alte Pracht, die andere Bestandsbauten dort immer noch vermitteln!
    Vermutlich soll es Menschen geben, die in 1. Lage das notwendige Kleingeld besitzen, wenn in Richtung Glienicker Brücke z.B. zur Zeit eine bestehende Villa für 5 Millionen € verkauft wird.
    Bitte bauen Sie schön…………!

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