Das ß – ein ungeliebtes Wesen

Der deutsche Buchstabe ß ist ein ziemlich ungeliebtes Wesen. Schon beim Namen dieses Schriftzeichens fangen die Streitereien an: Eszett wir es gemeinhin genannt, dabei sind es in der Regel nicht s und z, die sich in den gebräuchlichen Antiqua-Schriften zu einer Ligatur vermählt haben, sondern ein – heute unübliches – langes ſ („latin small letter long s“ heißt der Buchstabe in Unicode) und ein rundes s – das normale s, so wie wir es alle kennen. Lediglich in Schriften, die die Frakturtradition aufnehmen, ist es eine Ligatur aus langem ſ und geschwänztem 𝔷 (so wie auf den Berliner Straßenschildern dieses ſ𝔷 immer noch üblich ist). Ein besserer Name, der auch die stets stimmlose Aussprache dieses Buchstabens betont, ist darum „scharfes s“ (so heißt ß auch in Unicode „latin small letter sharp s“).

Zu früheren Zeiten war die kursive ſs-Ligatur übrigens nicht auf den deutschsprachigen Raum beschränkt, sondern auch in Schriftstücken in lateinischer, italienischer und französischer Sprache gebräuchlich. Selbst in der Bill of Rights der Vereinigten Staaten wird die Kombination aus langem und rundem s verwendet („… there shall be not leſs than one hundred Representatives …“).

Weil andere Sprachen dieses Zeichen nicht (mehr) kennen, wird es außerhalb des deutschsprachigen Raums gerne mit dem griechischen β oder dem großen B velwechsert, weswegen man aus dem Ausland schon mal Briefe mit der Anschrift „Turmstraβe“ oder „BadstraBe“ erhält.

Aber auch die eigentlich des Deutschen mächtig sein sollenden Hauseigentümer (oder Hausverwaltungen) müssten diesen Buchstaben doch besser kennen, um eine solche typographische Katastrophe, wie sie in der Moabiter Stephanstraße zu sehen ist, zu vermeiden:

Typokatastrophe-IMG_4833

Hier hat der ausführende Handwerker wohl kein passendes ß in seinem Setzkasten gefunden und hat kurzerhand einen schlechten Ersatz aus einer nicht kompatiblen kursiven Schrift verwendet. Auch bei der Farbgebung hat der Handwerker kein glückliches Händchen bewiesen, sind doch die einzelnen Schriftzeichen in unterschiedlichen Grautönen ausgeführt, aber das ist vergleichsweise pillepalle.

Seit 2008 gibt es das ß ganz offiziell und ISO-normiert als Großbuchstabe ẞ („latin capital letter sharp s“ in Unicode). Der Kartenverlag muss also nicht mehr – so wie zu meiner Schulzeit – RUSZLAND als Landesname auf die Wandkarte drucken, sondern kann stattdessen RUẞLAND verwenden (obwohl der Grund für das ß in Russland mit der Rechtschreibreform nun auch entfallen ist). Ob das nun abseits der Typographenkreise den Beliebtheitsgrad des ß steigern wird, vermag ich nicht zu sagen (siehe dazu auch den Artikel Unnötig GroBer Rucksack bei Trithemius).

P.S.: Möglicherweise werden die Sonderzeichen wie langes s (ſ), geschwänztes z (𝔷) und Versal-ß (ẞ) nicht in allen Browsern auf allen Betriebssystem dargestellt; wenn die Klammern in diesem Satz leer bleiben, Fragezeichen oder Kästchen zeigen, ist Ihr Rechner von diesem Defekt betroffen.

8 Gedanken zu “Das ß – ein ungeliebtes Wesen

  1. Es ist ein Kreuz mit dem Buckel-s!.So hieβ der hübsche Buchstabe, simpel wie zutreffend, als ich ihn lernte.
    Ich hätte übrigens das Bild anders interpretiert: nämlich als eine Liebeserklärung an ein Zeichen, das auβer den Deutschen und Österreichern keiner haben will. In jedem Falle ein schöner Fund!

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  2. Das ist immerhin ein Hingucker.
    Mich stört immer wieder die Ersatzschreibweise mit ss. Letztens stolperte ich über „Musse“ und brauchte einen Moment, um herauszufinden, ob die Muße oder die Muse gemeint war.
    Ich mag das sonst Ungeliebte ß.

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    • Obgleich ich das ß noch stets nutze, könnte ich mit seiner Abschaffung gut leben, so wie die Schweizer das auch schon Jahre tun. Und das Argument mit „Musse“ lasse ich nicht wirklich zählen, daran zeigt sich eher das Problem, dass das ß einerseits ein scharfes s sein soll, andererseits (auch erst seit der letzten Rechtschreibreform) dort stehen soll, wo der vorangehende Vokal lang ist (noch ist es nicht lange her, da wurden Kuß und Rußland mit ß geschrieben, obgleich der Vokal davor kurz ausgesprochen wird). Das Problem liegt eher darin, dass es zu viele und oft inkonsistente Regeln gibt, nach denen die Länge eines Vokals bestimmt wird. Da wünschte ich mir die Übernahme einiger Regeln aus dem Niederländischen.

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  3. Lehrreich, wie immer von vilmos. Als Typograf muss einen das „ß“ ärgern. Es passt so gar nicht in das Schriftbild. Schriften, die in der Schweiz entstanden sind (wo es das „ß“ nicht gibt), haben ärgerlicherweise für das „ß“ eine schlechte formale Notlösung.

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