Luchtsingel

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Aufgang vom Park Pompenburg

Temporäre Bauwerke finde ich oft besonders eindrucksvoll und schön, mir kommt es so vor, als ob die Entwerfer dort oft mehr Mut zum Außergewöhnlichen zeigen als bei Bauwerken, die für Jahrzehnte oder Jahrhunderte entworfen werden. Der Luchtsingel, eine 380 Meter lange hölzerne Fußgängerbrücke einige hundert Meter östlich des Rotterdammer Hauptbahnhofs, ist ein solches; seine Haltbarkeit wird auf rund 10 Jahre geschätzt. Die Konstruktion überbrückt die trennenden Eisenbahngleise und verbindet so Hauptbahnhof und Zentrum mit dem Norden der Stadt. Der Luchtsingel trägt – so die Macher dieses Projekts – dazu bei, dass der länger vernachlässigte und von Leerstand geprägte Stadtteil Anschluss an die ökonomische Entwicklung der Innenstadt findet. Finanziert wurde die Brücke über Crowdfunding: man konnte ein Brett oder auch ein ganzes Brückensegment „kaufen“ und dort seinen Namen eingravieren lassen.

Die 2014 fertiggestellte Brücke hat drei Arme, die von einem runden Mittelpunkt ausgehen. Der erste verbindet den Weg zum Bahnhof mit dem Schieblok, einem Bürogebäude im Besitz der Stadt Rotterdam an der Schiekade. Der Luchtsingel führt durch das ehemals leerstehende Gebäude, das einerseits Arbeitsraum für junge Unternehmen der Kreativbranche, andererseits (halb-)öffentliche Räume für Veranstaltungen und dergleichen bietet. Ein zweiter Arm führt zum neuangelegten Park Pompenburg zwischen den Bahngleisen und der Straße Pompenburg. Der dritte führt über die Gleise zum früheren Bahnhof Hofplein, der einst die Endstation der ersten elektrifizierten Eisenbahnstrecke der Niederlande war, die Rotterdam mit Den Haag und Scheveningen verband.

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Übersichtsplan von luchtsingel.org

Zum Projekt gehören – neben der Brücke selbst – der DakAkker, eine Gemüse- und Obstanbaufläche auf dem Dach des Schiebloks, das Dach des früheren Bahnhofs Station Hofplein in der Doppelnutzung als öffentlicher Raum für Open-Air-Veranstaltungen und als Garten mit Gemüseanbau sowie der Park Pompenburg auf dem früheren Speicherareal zwischen Straßen und Gleisen mit viel Platz für Erholung aber auch Urban Gardening.

Auf den Seiten der Brücke sind Ausschnitte aus dem Gedicht Mi have een droom von Ramsey Nasr zu lesen, das er in der antizipierten Straßensprache Rotterdams des Jahres 2059 geschrieben hat, einem Gemisch von Niederländisch, Englisch, Jugendsprache, Neuerfundenem und selbst ein paar Brocken Deutsch. Auf YouTube kann man den Dichter selbst dieses Gedicht lesen hören und sehen (er ist auch Schauspieler), das von seinem überwiegend jungen Publikum gut verstanden wird und gut anzukommen scheint.

Umfangreiche Information zum Luchtsingel findet man auf der zugehörigen Website in Niederländisch und Englisch.

6 Gedanken zu “Luchtsingel

  1. Danke für die interessanten Informationen. Wir waren schon fast überall bei den Nachbarn, nur noch nicht in Rotterdam, obwohl die Liste des Sehenswerten immer länger wird.

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  2. Die Niederländer machen es wieder einmal vor. Eine solche Brückenkonstruktion wäre in Deutschland beinahe undenkbar. Mir gefallen alle Konstruktionen aus Holz. Und mir gefällt auch dieser Beitrag sehr. Danke an vilmoskörte, der immer wieder interessante Architektur bespricht.

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  3. Das ist wirklich ein guter Beitrag dazu, was Bürgersinn alles schaffen kann. Ich wäre stolz über eine Brücke zu gehen, die ich mit finanziert habe. In Berlin geht so was leider meist schief- siehe Tempodrom.

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